Die Agentur Digital in Berlin kennen die Berliner vor allem als Gastgeber des schicken Kiezsalons in der Musikbrauerei. Zu den Dingen, die mich von vornherein für diese Veranstaltung eingenommen haben, gehört der konzeptuelle Widerspruch im Namen. Kiez ist ein Begriff mit Stallgeruch; als Nicht-Berliner sollte man sich, solange es geht, dagegen wehren.

Wobei natürlich alle Großstädter zur Verkleinstädterung ihrer Viertel und einem gewissen Nachbarschaftskitsch neigen. Wofür es übrigens Gründe gibt, die man umso mehr erkennt, je stärker so ein Kiez gentrifiziert, also fremderobert wird. Plötzlich kennt man die Leute halt nicht mehr, die in den Kneipen, Cafés und Kiosken um die Ecke leben und in den Wohnungen nebenan wohnen. Die Alten ziehen weg, die Neuen brauchen viel Geld für teure Mieten und haben keine Zeit, ihr Viertel zu beleben. Aber ohne ein wenig zu kuscheln, gibt es auch keinen Kiez.

Spezialsalon zum zehnjährigen Jubiläum

Der Salon dagegen steht für kühle Verfeinerung, wenn nicht gar Sophistication. Und also auch für Exklusivität, wenn nicht Ausschluss. Es braucht geteiltes Interesse und eine habituelle Zugehörigkeit. Traditionell heißt das meist Geld und Bildung. In einem Kiezsalon reicht sowas nicht, dem Begriff wohnt ein romantischer und auch lustiger Lumpenaspekt inne.

Die Kiezsalon-Musik ist hochgradig nischenförmig, aber mit Sinn fürs schräge Geräusch: Manchmal eher zur e-musikalischen Avantgarde geneigt, dann wieder zur haltlosen Improvisiererei; es gibt minimal geräuschige Elektronik und hochkulturelle Kleinkunst aus aller Herren Länder. Wenn da mal die Pedal-Steel-Experimentalistin Heather Leigh vorbeischaut, wirkt sie wie ein Popstar. Beim zweitägigen Spezialsalon zum zehnjährigen Agenturtreiben lassen sich die Veranstalter daher an Kryptogrößen nicht lumpen.

Eine willkürliche Auswahl

Hier nur ein kleiner Auszug: In Berlin fast schon arriviert ist die großartige und ortsansässige Gitarristin und Sängerin Anne Rolfs. Sie schrammt, schrummelt, drischt und dröhnt mit ihrer nicht-googlebaren Band AUF, das heißt mit ihrem Drum-Partner Matthias Brendel, in prächtigen Temperaturstürzen zwischen etlichen Post-Punk-Ansätzen herum und singt dazu manchmal mit sehr heller, etwas soziophober Stimme.

Ganz woanders her kommt das Trio Lotto (ja, die Googlefeindlichkeit fällt auf), einerseits nämlich aus Polen, aber auch von einem stimmungsvollen Post-Jazz, der mit Industrialmotiven und Noiseelementen arbeitet; die jüngste Bandcamp-Veröffentlichung „Soil“ zeigt sie mit rasselnden Drumschlaufen, sturem, stahlgrauen Druck, dazu gischtigem weißen Rauschen und kühlen Rockmomenten. Der Norweger Svarte Greiner schafft mit knispelnden Geräuschen, kleinen Übersteuerungen, Orgel- und Cello-Dräuen sowie wortlosen Operndamen eine eigenartige Schauermusik aus Elektrischem und Naturstofflichem. Und die schiefen Streicher der Britin Laura Cannell klingen – wie als Vorstufe zu Greiner – als remixe sie mittelalterlichen Gothfolk für die Alt-Avantgardeurs in Donaueschingen. Diese total willkürliche Auswahl zeigt, wie breit die beiden Abende kuratiert sind, voll glorreich komischer Musik, die keine Lust auf Hörgewohnheiten hat. Und dies auf jeweils ganz verschiedene Weise.

Melancholisch und poppig zugleich

Der Pop des Neuseeländers Jonathan Bree geht da wesentlich leichter ins Ohr. Ein paar Leute werden vielleich das Duo The Brunettes kennen, das er von 1998 bis Anfang der 2010er-Jahre mit Keyboarderin und Sängerin Heather Mansfield betrieb. 2013 erschien sein erstes, recht ab-straktes Solodebüt „Primrose Path“, zwei Jahre danach der etwas geisterhafte und bröcklige Nachfolger „A Little Night Music“.

Das aktuelle Album „Sleepwalking“ wirkt in seiner Zugänglichkeit näher an den Brunettes gestaltet; die etwas undurchsichtige Atmosphäre, geschult an theatralischen Motiven der Sechziger wie etwa Serge Gainsbourg, weiter in den Vordergrund gerückt. Auch eine gewisse Nähe zu den barocken Arrangements dieser Zeit erkennt man, dazu mag er die zwielichtige Atmosphäre psychologischer Horrorfilme. Bree versteht es dabei, seine komplex geschichtete, mit teils raren Instrumenten bestückte Musik angenehm melancholisch und ziemlich poppig klingen zu lassen.