Die Enthüllungsplattform Wikleaks galt einmal als das Sturmgeschütz der Demokratie. Die Mächtigen zitterten vor jeder neuen geleakten Depesche, die die Whistleblower ans Licht der Öffentlichkeit zerrten. Die Medien stimmten Lobgesänge auf die Transparenz an, mit der das Arkanum der Politik ausgeleuchtet und publik wurde. Das Internet würde jene noch so kleine Machenschaft aufdecken und das Gemeinwesen demokratisieren. „Keine Geheimnisse“, lautete das Motto.

Doch von diesem radikalaufklärerischen Ansinnen ist zehn Jahre nach der Gründung nicht mehr viel übrig geblieben. Julian Assange, der Gründer der Enthüllungsplattform, sitzt in der ecuadorianischen Botschaft in London fest. Edward Snowden, der Heros der Überwachungsgegner, verharrt im Moskauer Exil und ist zum Roboter-Motiv erstarrt – in den USA tritt er in Gestalt eines Telepräsenzroboters auf. Chelsea Manning sitzt eine Haftstrafe wegen Hochverrats ab. Und Jacob Applebaum, der „Rockstar“ der Szene, ist in einen Vergewaltigungsskandal verstrickt. Wikileaks, so scheint es, gehen die Ikonen aus – und die Nachfolger sind mit dem Nachlass überfordert.

20 Millionen Personendaten

Im Juli, nur wenige Tage nach dem Putschversuch in der Türkei, veröffentlichte die Enthüllungsplattform fast 300.000 E-Mails von und an Postfächer der türkischen Regierungspartei AKP. Die Datenbank enthielt neben brisanten E-Mail-Korrespondenzen auch Personendaten von rund 20 Millionen türkischen Bürger wie Wählerregister, Adressen, Telefonnummern und sogar die nationale Identifikationsnummer. Gesammelt sind zudem die vollständigen Namen aller AKP-Mitglieder. Die türkische Soziologin und Journalistin Zeynep Tufekci erhob daraufhin schwere Vorwürfe: Die personenbezogenen Daten könnten für Racheaktionen politischer Gegner oder zum Identitätsdiebstahl genutzt werden.

Auch in den von Wikileaks veröffentlichten Wahlkampfmails der US-Demokraten waren sensible Informationen wie Sozialversicherungs- und Kreditkartennummer enthalten. Die Frage ist, wie weit Transparenz gehen darf und wann sich die Absicht, die Bürger vor den Fährnissen einer sich selbst immunisierenden Politik zu schützen, in ihr Gegenteil verkehrt.

Wikileaks geriet bereits in der Vergangenheit in die Kritik, als Julian Assange in seinem Willen, nichts zu zensieren, zuließ, die Identität von lokalen Übersetzern der amerikanischen Armee im Irak und in Afghanistan publik zu machen und dabei billigend in Kauf zu nehmen, das Leben dieser Menschen zu gefährden. Informantenschutz, ein hohes Rechtsgut im Journalismus, kennt die Enthüllungsplattform nicht. Assange hatte keine Skrupel, als es darum ging, die Namen ins Netz zu stellen.

Schadprogramme in E-Mails gefunden

Bob Woodward, einer der Journalisten der Washington Post, die die Watergate-Affäre aufdeckten, nannte die Vorgehensweise „unverantwortlich“. Die Journalistin Sandra Upson brachte in einem Beitrag für das Portal Medium ein gewichtiges Argument vor: „Eine Medienorganisation, die das Leben normaler Bürger gefährdet, fordert die Autorität nicht heraus, sondern verstärkt sie.“

Doch auch beim Leak der AKP-Mails blieb Wikileaks seiner Haltung treu und stellte das Material unverändert und unredigiert ins Netz. Das könnte sich nun als Bumerang erweisen. Der bulgarische Sicherheitsexperte Vesselin Bontchev hat in den E-Mails, die von Wikileaks gehostet werden, 324 Schadprogramme gefunden, wie das Portal The Register berichtete. Dabei soll es sich vor allem um Trojaner handeln, die den Mails angehängt wurden. Dadurch entsteht nicht nur ein materieller Schaden für Journalisten, die sich die Dokumente ansehen und mit ein paar Klicks mit der Schadsoftware infizieren, sondern auch ein beträchtlicher Image-Schaden.

Die Enthüllungsplattform wird zu einer Deponie für Viren und Trojaner. Diejenigen, die das Banner der Transparenz bei jeder Gelegenheit hochhalten und das Hohelied der Demokratie singen, werden nun zum Handlanger für Cyberkriminelle. Welch Ironie der Geschichte! Statt der Wahrheit zu dienen und Aufklärungsarbeit zu leisten, droht Wikileaks diese Aufgabe zu kompromittieren, indem es billigend in Kauf nimmt, dass sich die Wächter der Öffentlichkeit einen Trojaner einfangen. Die Verbreitung von Malware habe mit Journalismus nichts zu tun, kritisierte Vesselin Bontchev auf seinem Twitter-Account.

Vorwürfe aus den USA

Eine Erklärung für dieses fahrlässige Verhalten fällt schwer. Entweder fehlt es der Plattform an Ressourcen, die Dateien auf Schadsoftware zu überprüfen. Oder die Aktivisten insistieren auf ihrem ideologischen Ansatz, Daten grundsätzlich nicht zu verändern. Der französische Rechtshistoriker Jacques de Saint Victor schreibt in seinem Buch „Die Antipolitischen“: „Jede große Enthüllung, die weder kontextualisiert noch gewichtet wird, erklärt nichts und dient im Endeffekt auch zu nichts. Sie ist nicht in der Lage, die relevanten Fragen zu beantworten: Wer hat was entschieden? In welchem Zusammenhang? Aus welchen Gründen? Alles Übrige ist bloßer Voyeurismus.“ Wikileaks hat das Spannungsverhältnis zwischen Transparenz und Informantenschutz nicht aufgelöst. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr werden nun Vorwürfe aus den USA laut, die Enthüllungsplattform ließe sich von russischen Quellen instrumentalisieren, den Ausgang der US-Wahl zu beeinflussen.

Inzwischen bedient sich auch Russland des Mittels des (vorgetäuschten) Leaks, um seiner Propaganda mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Staatliche Medien brachten kürzlich in sozialen Netzwerken eine fingierte diplomatische Depesche des IS, adressiert an die schwedische Außenministerin, in Umlauf, um Schweden von einem Nato-Beitritt abzuhalten und Zwietracht in dem Bündnis zu säen. Es ist eine äußerst abgefeimte Strategie, Unwahrheiten zu verbreiten.

Der Sicherheitsforscher Bruce Schneier warnte jüngst davor, dass geleakte Dokumente für geopolitische Zwecke instrumentalisiert werden könnten. Julian Assange, der mit Verve für die Wahrheit focht, muss machtlos zusehen, wie Leaks, das Instrument radikaler Transparenz, in einen postfaktischen Raum gezerrt werden und die Glaubwürdigkeit von Wikileaks unterminieren. Die jüngsten Querelen um die Malware scheinen die letzten Zuckungen einer im Todeskampf befindlichen Organisation zu sein.