Eine Chimäre als Jäger. Blick in die Ausstellung Ulrike Theusners in der Galerie Eigen+Art, Berlin.
Foto: Otto Felber Berlin

Berlin -Was passiert im Atelier einer Zeichnerin, die aus dem Fenster ihrer Werkstatt auf Goethes und Schillers Dichterfürsten-Gruft blickt? Nun, den Schauer des Erhabenen, des genius loci, spürt sie nicht. Weimar, das Heiligtum der deutschen Klassik, dient der 1982 in Frankfurt (Oder) geborenen Künstlerin eher als Ort des Nachdenkens über die Idee des unaufhörlichen Welttheaters, als Möglichkeit des kritischen Vergleichs von Aufklärung und Postmoderne. Und darüber, wie und wo sie sich selbst und ihre Generation da gerade befinden.

Theusner hat im französischen Nizza sowie an der Bauhaus-Universität Weimar studiert. Sie blieb dann in der Klassiker-Stadt, am historisch widersprüchlichen Ort; bekanntlich befand sich an dessen Peripherie das Konzentrationslager Buchenwald. Die krasse Ambivalenz beschäftigt die Künstlerin sehr.

Selbstporträt mit Maske, 2020, Pastell auf Papier
Foto: Galerie Eigen+Art

Soeben ist die junge Frau der Neuzugang im Künstlerkreis der Galerie Eigen+Art. Da stehen wir vor ihren eigenwilligen metaphorischen Pastellkreide-Motiven und Monotypien, auf denen sich Chimären, Leute mit Vogelmasken, Skelette, Harlekine, Dämonen und Teufel tummeln. Dieses Bildpersonal belegt Theusners Vorstellung von Menschen als Ensemble, von Charakteren als Darstellern.

Dem typisch Menschlichen gilt die Neugier der Zeichnerin. Ihre Empathie. Sie beobachtet alltägliche Situationen zwischen Mensch und Natur, erlebt dies wie auf einer Bühne. Und wir Betrachter werden zu Mitakteuren in diesen Inszenierungen, die in den Weißhöhungen der Striche, den farbigen Spiralformen und den splittrigen Farbfetzen kunstgeschichtliche Referenzen an Edvard Munch, Van Gogh und die bizarren Masken des verfrühten Expressionisten James Ensor erinnern. Wir sitzen gleichsam auf Theusners Figuren und Gegenstände formenden Spiralen, die einen ins All katapultieren könnten. Doch die Erdanziehung hält uns auf dem irdischen Galeriefußboden fest.

Für ihre Berliner Bildauswahl wählte Theusner als Titel nicht etwa Goethes „Stirb und Werde“, auch wenn das passen würde, sondern zeitbezogen unruhiger lieber „All there is“, das Fragment einer Songzeile von Janis Joplin. Die Zeichnerin macht sich ihre Bilder vom Jetzt, etwa mit Porträts orientierungslos wirkender Jugendlicher. Wir blicken sie an. Sie schauen fragend zurück. „Was wird in Zukunft sein? Alles ändert sich rasant. Es gibt keine Gewissheiten mehr. Und da sind neue große Gefahren.“

Ulrike Theusner: Talisman, 2020 ,Pastell auf Papier.
Foto: Galerie Eigen+Art

Theusner bezieht als Subtext auch die Corona-Pandemie ein. Die ökologischen Probleme. Und das Erstarken der Nationalisten in Europa sowie der Autokraten weltweit. „Mit solchen Gedanken zeichne ich meine Generation – Freunde, Verwandte“, sagt sie und nennt das eine „Bestandsaufnahme unserer Zeit und unserer Stimmungen.“  Auf einer großen Leinwand hält, mitten im Wald, eine Männergestalt mit Hirschkopf und Pfeilen im Köcher (ein Jäger?) eine Meute kläffender Wölfe und Hunde in Schach. Die mythologische Szene wird zur Parabel für das Verhältnis Mensch-Natur.

Galerie Eigen+Art, Auguststr. 26. Bis 4. Juli, Di-Sa 11-18 Uhr