Wenn es so einfach wäre, wie Kai Pflaume es aussehen lässt, wäre das Unterhaltungsfernsehen nicht voller Sendungen zum Fremdschämen. Aber die Begegnung zwischen Frau Jedermann und dem Fernsehen gelingt unterm Strich doch eher selten. Zu viele unerfüllbare Erwartungen auf beiden Seiten behindern den „normalen“ Umgang. Nicht nur der Profi vor der Kamera, der sich von Berufs wegen in Szene setzen muss, sondern auch der Laie an seiner Seite hat ja ein Sendungsbewusstsein.

In „Zeig mir Deine Welt“ geht es um Menschen mit Down-Syndrom. Tatsächlich bewegen sich Pflaumes Gesprächspartner, die Kantinenhilfe Ronja aus Bergkamen und der Kellner Tom aus Bergisch-Gladbach, die Kindergärtnerin Anna und die Wäschereifachkraft Verena so spontan und natürlich, wie es für Menschen mit Trisomie 21 als typisch beschrieben wird. Aber sie sind genauso aufgeregt wie jeder andere, an dessen Tür ein Prominenter klopft („Kannst einfach sagen: Hey Kai“).

Auch „Zeig mir deine Welt“ kommt um das übliche Tauschgeschäft des Fernsehens nicht umhin: Du lässt uns einen Blick in deinen Alltag werfen, dafür holen wir dich genau aus dieser Normalität heraus. Das eine schafft Zuschaueridentifikation, das andere garantiert die schönen Bilder. Auch Kai Pflaume bedient sich dieser TV-Folklore: Er setzt sich im Phantasialand mit der jauchzenden Ronja in ein Karussell und wagt sich für die Pferdenärrin Anna auf ein Doppelpony. Mit Ottario, der heimlich für seine Friseurin schwärmt, geht er schnurstracks in den Frisiersalon, um endlich rauszukriegen, wie die Angebetete denn nun eigentlich heißt.

Ungeschminkte Momente

Es ist wie im Karneval in Venedig: Hinter der Maske der TV-Inszenierung lässt sich vieles tun, was man „ungeschminkt“ nicht wagen würde. Aber gerade deshalb gehört die Begegnung im Frisiersalon nicht eben zu den gelungenen, von denen es in „Zeig mir deine Welt“ freilich zahlreiche gibt. Zu offensichtlich war die Situation arrangiert worden.

Die Kuppelshow, mit der Kai Pflaume bekannt wurde, hatte sich eben diese Inszenierungshürde geschickt zunutze gemacht: Im Zentrum von „Nur die Liebe zählt“ stand ein armer Tropf, der sich etwas im „normalen Leben“ nicht zutraute, was in der Ausnahmesituation der Fernsehshow plötzlich wie von Zauberhand gelang. Ob nun eine Entschuldigung, ein Heiratsantrag oder das Wiedersehen mit einem verlorenen Freund: In jedem Fall stellte das Team von „Nur die Liebe zählt“ intime Momente her, die aber nie nur für die Zuschauer inszeniert worden waren.

Pflaume, der fast 20 Jahre lang der Zeremonienmeister dieser Kuppelshow war, dürfte seitdem nichts Menschliches mehr fremd sein. Was bei „Nur die Liebe zählt“ oft ins Kitschige abglitt, stand in der „Glücksspirale“ später oft in der Gefahr, zynisch zu wirken: Wer nämlich in dieser Show seine persönliche Phobie (wie Furcht vor Spinnen oder Höhenangst) überwand, hatte die Aussicht auf einen Geldgewinn, den die Lotterie Glücksspirale ausgelobt hatte. Pflaume war hier nicht nur mitfühlender Gastgeber, sondern immer auch unerbittlicher Schiedsrichter, der über den Ablauf der Mutprobe wachte.

Mitgefühl für Entsetzte

Er erledigte diese Aufgabe mit Augenmaß. Je mehr sich ein Kandidat vor der Kamera in Szene setzte, desto unerbittlicher wurde der Moderator. Wer aber wirklich entsetzt darüber war, dass die beste Freundin oder der eigene Ehemann als Mitwisser der Showleute fungiert hatten, konnte mit Pflaumes Mitgefühl fest rechnen.

Was ist nun also davon zu halten, wenn Pflaume im Auftrag des ARD-Vorabendprogramms zu Menschen geht, deren größter Wunsch es ist, als normal statt als behindert wahrgenommen zu werden? Wie lässt sich die Besonderheit von Ottario und Verena herausstreichen, ohne sie auszustellen? Was zählt – wenn nicht Mitleid? Die Strategie ist schlicht, aber wirkungsvoll: Kai Pflaume bietet sich als „normales“ Gegenüber auf Augenhöhe an. Er lässt sich Rückfragen gefallen, was im Fernsehen üblicherweise verboten ist („Magst du Tiere?“) und gibt „normale“ Antworten. („Ja, wir haben vier Schildkröten und zwei Hunde“), was unweigerlich seine Privatsphäre verletzt.

Er macht gegenüber Ottario keinen Hehl daraus, dass er sich selbst nie tätowieren lassen würde und zeigt Tom unmissverständlich den Widerspruch auf, dass der einerseits selbst normal behandelt werden will, aber sich als Freundin keine Behinderte vorstellen kann. Er fragt die erwachsenen Männer und Frauen nach Liebe und Sex, und deren Eltern nach der Sorge, dass die ewigen Kinder nun auch noch Kinder kriegen könnten. In diesen Momenten scheint dann doch durch, was die Reportagereihe gleichzeitig so eindrücklich widerlegt: dass das „normale“ Leben für Menschen mit Down-Syndrom doch in engeren Grenzen verläuft, als für viele „normale“ Normale. Aber das ganz Normale funktioniert im Fernsehen ja sowieso nicht.

Link zur Sendung in der Mediathek.