Wenn Männer weinen.
Foto: imago images/McPHOTO

BerlinHeulende Männer. Eigentlich sind sie ja eine gute Sache. Gefühle zulassen, Emotionen zeigen, nicht immer den harten Kerl spielen müssen, sondern auch mal auf der Kuschelrock-Seite des Lebens stehen. Immer noch besser, als wenn Männer prügeln. Oder als wenn sie Waffenarsenale anlegen oder in den Krieg ziehen, oder Listen von Gegnern schreiben wollen, die ihnen im Weg stehen, oder gleich zum KSK gehen, wo das alles legal ist. Nein, da sind heulende Männer besser.

Auf der anderen Seite können sie ganz schön nerven. Am Sonntag zum Beispiel liefen im Radio die hundert besten Songs mit Vornamen im Titel. Ich habe neunzig Minuten lang zugehört und in diesen neunzig Minuten haben praktisch nur Männer gesungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen wie „Gloria“ von Patti Smith. Meistens ging es darum, dass die Männer a) von einer Frau verlassen oder b) nicht erhört oder c) betrogen worden sind. Es war eine Ansammlung des Jammers, des Leidens, der Klage. Selten galt der Satz, dass Männer Verbrecher sind weniger als hier. Zur Strafe gab es gleich auch ein paar Lieder über tote Frauen. Später habe ich mir die Liste der Lieder angesehen, auf den ersten Plätzen war eine Sängerin, auf Platz fünf von fünf: Niemand heult besser als ein Mann.

In Minute 91 habe ich abgeschaltet. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Gerne hätte ich den singenden Männern im Radio zugerufen: Zeigt Haltung, Jungs! Das geht vorbei. Es ist nicht das Ende der Welt, wenn sich deine Träume nicht erfüllen. Das kommt praktisch jeden Tag vor. Ihr müsst Euch im Radio nicht zu Deppen machen. Was einmal auf Platte gepresst ist, das ist nicht mehr zu stoppen. Lasst die Sonne rein! Am schlimmsten ist natürlich „Angie“ von den Rolling Stones.

Nun ist ja bekannt, dass der Industriezweig der populären Unterhaltungsmusik zu den ganz großen Bastionen des Machismos zählt. Gegen alternde Rock ’n’ Roller, unter denen Adjektive wie „echt“, „authentisch“ oder „kernig“ noch etwas gelten, wirkt die CSU-Landesgruppe im Bundestag wie ein Hotspot des Feminismus. Wird es für sie je etwas Schöneres geben, als am Wochenende Motorrad zu fahren, Frauen hinterher zu hecheln und Bratwürste zu grillen, mal abgesehen von Bier trinken? Nein. Oder doch: Am Sonntagabend nach Hause kommen, den Abschiedsbrief der Frau auch dem Küchentisch finden und ein Lied darüber schreiben.

In diesem Zusammenhang muss auch gesagt werden, dass das schon erwähnte Lied „Gloria“ ursprünglich von Van Morrison stammt, einem irischen Rock-Star. Es handelt davon, wie nachts eine Frau zu ihm kommt und an seine Tür klopft, und den Rest können Sie sich denken. Es ist der feuchte Traum eines 18-jährigen Jungen, der Morrison war, als er es schrieb, und man kann sagen: Wenigstens hat er nicht geheult. Bei Patti Smith wurde daraus der sehr selbstbewusste Song einer sehr erwachsenen Frau.

Patti Smith hat „Gloria“ aber nicht nur gecovert, sondern eigene Elemente hineingemischt. Sie lässt das Lied beginnen mit den Worten eines ihrer Gedichte: „Jesus died for somebody`s sins, but not for mine“. Den Satz kann man frei übersetzen mit: „Jesus starb für jemandes Sünden, aber nicht für meine“. Mit diesem schönen und wahren Worten könnte diese Kolumne enden, wäre Patti Smith nicht auf Platz 71 der Vornamens-Charts gelandet, wo sie doch Platz 1 verdient hätte. Anteil der Sängerinnen in der Liste: Unter 10 Prozent. Es ist zum Heulen.