Herr di Lorenzo, Sie sind gläubiger Christ, obendrein Katholik. Glauben Sie an Wunder?
Ob und wie gläubig ich bin, können Sie nicht wissen. Das gehört hier auch nicht her. An Wunder glaube ich aber eher nicht.

Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblatts, hat gesagt, er wolle das Wunder von Hamburg wiederholen und meinte damit die Auflagensteigerung unter Ihrer Ägide.
Das war nett gemeint und bezog sich nicht nur auf die stark gestiegene Auflage: Wir sind in den vergangenen zehn Jahren in allen Bereichen gewachsen. Das hat aber nichts mit Wundern zu tun, sondern mit sehr viel Arbeit von Redaktion und Verlag.

Trotz aller Mühen scheint das Auflagenwachstum der Zeit den Zenit überschritten zu haben.
Das kann man jetzt noch nicht absehen. Im Abonnement legen wir immer noch zu. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, in den kommenden Quartalen auch unter Vorjahr zu liegen.

Im Einzelverkauf ist es schon so. Neuerdings unterschreitet die Zeit am Kiosk häufiger die Schwelle von 100.000 Exemplaren, und seit Ihrem Antritt vor acht Jahren war der Einzelverkauf noch nie so niedrig wie im vierten Quartal 2011.
Entschuldigen Sie, aber es war mit 509.000 verkauften Exemplaren das beste vierte Quartal in unserer Geschichte! Wahrscheinlich ist es ein Naturgesetz, dass das Wachstum irgendwann eine Grenze erreicht. Und das würden wir nicht als Unglück empfinden.

Der Einzelverkauf steht auch bei uns unter Druck, und wir spüren die strukturellen Veränderungen: Da ist die Ausbreitung von Smartphones und sozialen Netzwerken, da sind die wöchentlich 15.000 zahlenden Nutzer unserer digitalen Angebote. Die Folgen des Wachstums von Zeit online machen sich natürlich auch bemerkbar, zumal wir den größten Teil der Artikel aus der gedruckten Ausgabe ins Netz stellen. Nicht zu vergessen der Paradigmenwechsel, den die Branche im vergangenen Jahr erlebt hat.

Sie spielen auf das Reaktor-Unglück in Fukushima an, das die Fernsehquoten und Online-Zahlen kurzfristig eklatant in die Höhe trieb, während die Print-Auflagen nicht profitieren konnten.
Bis Fukushima galt das eherne Gesetz, dass bei dramatischen Ereignissen besonders viele Zeitungen gekauft werden. Dem ist seither nicht mehr so.

Womöglich, weil die Menschen merken, dass man sich im Netz auch in der Tiefe informieren kann.
Nach dem Reaktorunfall jedenfalls war jede noch so gut geschriebene Seite Drei zum Zeitpunkt ihres Erscheinens bereits überholt. Hinzu kommt: Der Leser erwartet ohnehin, dass wir aktuelle Ereignisse im Blatt spiegeln. Deshalb interessiert ihn mehr, welche zusätzlichen Anreize eine Zeitung bietet.

Das widerspricht der DNA jeder Zeitung und jedes Journalisten. Wir wollen spiegeln, was politisch passiert, und 2011 war das wohl nachrichtenintensivste Jahr seit 1989. Doch weder mit dem arabischen Frühling noch mit der Eurokrise oder dem Libyen-Einsatz konnte Print am Kiosk einen Blumentopf gewinnen. Auf die Frage, warum das so ist, haben wir noch keine überzeugende Antwort gefunden. Für politische Blätter ist das eine unglaubliche Herausforderung.

Ist die Zeit noch die „politische Wochenzeitung aus Hamburg“, wie sie immer genannt wurde?
Eine politische Wochenzeitung müssen und werden wir immer bleiben. Aber im Idealfall muss jede Geschichte auch so spannend geschrieben sein, dass man sie gerne liest.

So wie das Interview mit Ex-Verteidigungsminister Guttenberg? Als Sie eingewilligt haben, das Interview-Buch „Vorerst gescheitert“ mit ihm zu machen, scheint Sie jegliches Gespür für den Leser verlassen zu haben. Woran lag das?
Die Reaktionen hat bei uns keiner von denjenigen, die in das Projekt eingeweiht waren, vorausgesehen. Möglicherweise war ich da zu impulsiv. Die Figur Guttenberg war innenpolitisch die spannendste der vergangenen Jahre. Erst war ihm fast das ganze Land verfallen – und dann dieser jähe Absturz. Deshalb wollte ich dieses Interview.

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