Fremde: Eine Frau (Delphine Seyrig) und ein Mann (Giorgio Albertazzi).
Foto: Imago

Ein Freund reiste einmal nach Marienbad, nur um im nächsten Jahr sagen zu können, er sei letztes Jahr dort gewesen. So scherzte er über einen Film, der gerade durch seinen Ernst zum Amüsieren einlädt. „Letztes Jahr in Marienbad“ ist der Film zur Zeit. Nach dem ersten Schreck der Isolation gibt Alain Resnais’ Meisterwerk aus dem Jahr 1961 erste Anleitung für die kontaktarme Bewegung auf begrenztem Raum, entwickelt eine raffinierte Choreographie des Ausweichens. Zwar wird gesprochen und sogar getanzt, doch hier schüttelt garantiert niemand die Hände. Ohne sichtbaren Grund gilt als Stilprinzip: Noli me tangere – rühr mich nicht an!

Spiel von Nähe und Distanz

Eine Gruppe Luxusmenschen hat sich in einem Schloss zusammengefunden, das als Hotel bezeichnet wird, meist aber als Spielcasino dient. In exquisiten Arrangements erstarren die Teilnehmer immer wieder zu lebenden Statuen, niemand verhält sich normal. Ist es ein Traum? Über Resnais’ Aufhebung erzählerischer Strukturen ist viel sinniert worden, aber es gibt eine Handlung: Eine Frau (Delphine Seyrig) hält einen Mann (Giorgio Albertazzi), der unbeirrt behauptet, sie müsse sich an ihn erinnern, auf Abstand. Es war letztes Jahr in Marienbad, sie stand abgewandt zur Hauptallee hin, wie er immer wieder betont, müsse ihn aber bemerkt haben. Oder war es Karlsbad? Es ist eine herrlich deprimierende Version des Liebesspiels von Nähe und Distanz, dessen Regeln den gequälten Liebhaber verrückt machen (womit er wiederum sie in den Wahnsinn treibt). Über aller Bewegung in den endlosen Fluren des Hotels klagt er einmal: „Wir gehen sie mit abgezählten Schritten entlang, nebeneinander, ohne uns je die Hände entgegenzustrecken.“ Wer könnte ihm nicht nachfühlen?

Der Trailer zum Klassiker „Letztes Jahr in Marienbad“

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Nun kann man sich die eigenen vier Wände als Schloss denken, auch mal hinaus in den Park gehen, und Trost finden in dieser bürgerlichen Nachahmung adliger Etikette. Zugleich ist alles auch ein Spiel. Schach wird zwar nicht gespielt in dieser sanften Elegie des Nichts, in der sie die Charaktere wie Figuren bewegen. Dafür wurde ein anderes Legespiel durch den Film   prominent. Das Nim-Spiel lässt sich beschreiben als etwas komplexeres Streichholzziehen oder auch als berührungsloses Mikado. Damit ließen sich sicher ein paar Stunden vertreiben.

Zwischen trauriger Isolation und gedankenloser Vermassung gibt es nur wenige Filme, die unserem gegenwärtigen Dazwischen eine Form geben. In „Letztes Jahr in Marienbad“   findet sich kaum eine Szene, die nicht ins Heute passt – als Anleitung zur Vereinsamung. Prägend wurde der so rätselhaft inszenierte Hotelffilm übrigens für den Isolationsfilm schlechthin, Stanley Kubricks „Shining“.

Letztes Jahr in Marienbad

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