Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ist „RTL Aktuell“ im Osten beliebter als die „Tagesschau“, wird statt dem Stern die Super Illu gelesen und ist kein Drittes ARD-Programm in seinem Verbreitungsgebiet erfolgreicher als der MDR. Der unterschiedliche Medienkonsum macht auch vor den Zeitungen nicht halt.

Zwar gelten Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine Zeitung als überregionale Blätter, ihre Auflage im Osten ist jedoch zu vernachlässigen. Ob das an den Lesern liegt oder daran, dass die in Westdeutschland verwurzelten Medien ostdeutsche Themen und Orte vernachlässigen beziehungsweise gar klischeehaft abhandeln, ist eine Frage, über die sich streiten lässt. Eine publizistische Lücke hat der Osten zweifellos.

Einzig die Wochenzeitung Die Zeit versucht seit einigen Jahren, im Ostteil des Landes Fuß zu fassen. Im November 2009 startete sie eine Regionalausgabe in Sachsen („Zeit für Sachsen“), die sie von zunächst zwei auf drei Seiten ausweitete. Später weitete das eigens in Dresden eingerichtete Korrespondentenbüro die Berichterstattung thematisch auf alle fünf ostdeutschen Bundesländer aus.

Zu lesen war das dennoch nur in Sachsen. Mit der Ausgabe am kommenden Donnerstag ändert sich das: Aus der „Zeit für Sachsen“ wird die „Zeit im Osten“, die Regionalseiten erscheinen dann auch in den Auflagen, die in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg verbreitet werden.

Mal ernst, mal spielerisch

Mit Blick auf zurückliegende Ausgaben der „Zeit in Sachsen“ ist die Frage erlaubt, warum etwa das Phänomen ostdeutscher Rückkehrer nur in Sachsen oder künftig nur in Ostdeutschland lebende Leser interessieren soll. Was sagt das über die Entwicklung der Berufsaussichten, was über die Ausbildungschancen und die Lebensqualität in Ost und West? Auch das Interview mit Peer Steinbrück über seinen Bezug zum Osten oder die Geschichten, die Angela Merkels Biografen über die Kanzlerin zu erzählen wussten, hätten sicherlich auch die Leser der gesamten Zeit-Auflage interessiert.

Patrik Schwarz, der als Redakteur für besondere Aufgaben sich bereits um die „Zeit für Sachsen“ kümmerte und nun auch die „Zeit im Osten“ koordiniert, sagt, allein die Existenz der sächsischen Ausgabe habe dazu geführt, dass sich in der Hamburger Redaktion das Bewusstsein für ostdeutsche Themen stärker entwickelt hat: „Die Berichterstattung beginnt auf die ganze Zeitung auszustrahlen“.

Die drei Seiten sind ressortübergreifend angelegt und behandeln die Themen in Zeit-typischer Weise. Mal sind sie ernst, mal spielerisch angelegt, mal gehen sie kritisch mit den Verhältnissen um, mal scheinen sie der Stärkung des ostdeutschen Stolzes dienen zu wollen. „Der Osten ist selbstbewusst geworden, er muss sich nicht verstecken“, sagt Schwarz. Merkel und Gauck seien Ausdruck dieser Entwicklung. Schwarz sagt auch: „Der Osten hat viele Gesichter. Wir zeigen sie alle“. Anders gehe es nicht, wenn man es mit der Berichterstattung ernst meint.

Wohl auch dank der sächsischen Ausgabe hat die Zeit im Verbreitungsgebiet den Sprung über die Marke von 10.000 Exemplaren geschafft. Doch das Projekt erfordert Geduld. Es sei auch Ausdruck einer neuen Demut vor dem Leser, glaubt Schwarz. Früher waren die Anzeigeneinnahmen Haupterlösquelle von Zeitungen. Dieses Gewicht hat sich zugunsten der Vertriebserlöse verlagert. Das führe zu einer heilsamen Selbstbesinnung, sich an den Bedürfnissen der Leser zu orientieren, sagt Schwarz.

Womöglich ist die Zeit im Osten ein Test für weitere Regionalisierungen der Hamburger Wochenzeitung. Die Redaktion hat sich schon einmal daran versucht, anlässlich der Landtagswahl eine eigene Ausgabe für Nordrhein-Westfalen zu produzieren. Auch damals sprach Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo von einem Testballon.