Da staunt der Horizontino nicht schlecht. Zur Eröffnung der Ausstellung „Zeitgeist Berlin“ im brasilianischen Belo Horizonte tritt als Stargast niemand anderes als Sven Marquardt auf. Der Türsteher – oder wie manche auch sagen: Kurator – des bis in die südamerikanische Millionenstadt berühmten Feiersoziotops Berghain erzählt im Künstlergespräch im Kulturzentrum der Banco do Brasil von seiner Leidenschaft für „schattige Orte“ und den Hang zum modrigen Geruch feuchter Keller und Bunker.

Der Saal ist voll, rund dreißig Arme gehen hoch auf die Frage, wer von den Zuhörern das Berghain kennt – und knapp ein Dutzend der schicken jungen Leute hier haben offenbar auch schon mal Gnade vor dem bohrenden Kontrollblick von Sven Marquardt gefunden.

Auf eine Leinwand werden Marquardts Fotografien projiziert, auf denen er Freunde, DJs, Tresenkräfte, Garderobieren, Techniker, Türsteher und andere Kollegen aus dem Berghain porträtiert hat. In einem schwarz ausgekleideten Raum der Ausstellung laufen diese morbiden, pathosgeladenen Fotos als Diashow in einer Altar-ähnlichen Installation zu einer Soundkomposition von Marcel Dettmann, auch dies ein DJ-Künstler aus der Berghainischen Familie.

Berliner Ruinenromantik

Natürlich gibt es auch Gemälde, Videos und Fotoarbeiten von ungefähr 20 weiteren Künstlern zu sehen, die der Berliner Kultur verbunden sind. Wilde bunte Bilder von Norbert Bisky und Frank Ackermann, geometrische von Thomas Scheibitz und sackleinern sparsame von Sergej Jensen. Fotos von Frank Thiel, Thomas Florschütz und Frederike von Rauch beschwören die Berliner Ruinenromantik, das aus Fotos montierte Video von Tobias Zielony und die Langzeitbelichtungen von Michael Weseley vom Potsdamer Platz zeigen den rasenden Stillstand.

Plastisch veranschaulichen dies auch die Installation der hölzernen Digitaluhr „Standard Time“ von Mark Formanek, die jede Minute von einem halben Dutzend Handwerkern umgestellt wird, sowie die Betonmischer von Julius von Bismarck, die alle Viertelstunde einen Höllenlärm veranstalten.

Alles aber führt direkt zum Herz der Ausstellung: Sven Marquardt und die Klubkultur. Das liegt am kuratorischen Konzept von Alfons Hug. Der umtriebige Chef des Goethe-Instituts von Rio de Janeiro (jetzt ist er weitergezogen nach Singapur), künstlerischer Leiter der Biennalen von Sao Paulo und Montevideo, Kurator der lateinamerikanischen Beiträge auf der Biennale von Venedig, hat seinerzeit schon in Berlin mit Ausstellungen über den „Rest der Welt“ im Haus der Kulturen der Welt gezeigt, wie man durch unkonventionelle Kombinationen neue Sichtweisen eröffnen kann.

In „Zeitgeist Berlin“ – eine durchaus selbstbewusste Referenz an die Ausstellung der Neuen Wilden von 1991 im Martin-Gropius-Bau – gelingt es ihm auf frappiernd einleuchtende Art, die Klubkultur der Postwendezeit mit dem Berlin der Zwanziger Jahre („Tanz auf dem Vulkan“) und der Punk-Ästhetik der Vorwendezeit („No Future“) zu verbinden. In einem von Heiko Hoffmann kuratierten Raum dokumentieren Fotos von Martin Eberle diese Klubs aus der Auferstanden-aus-Ruinen-Zeit, den Tresor, das WMF, das E-Werk, all die Orte, die im Niemandsland der Maueröffnung entstanden.

Die Ablehnung von Design

Das ist Nostalgie und Historisierung einer Übergangszeit, die zum olympischen Berghain führt. Das ist auch eine Hommage an die Berliner Ökonomie, die im ewigen Durchwursteln und im Pragmatismus des Recyclens der Vergangenheit kulminiert. Das „Design“ dieser Kultorte bestand ja darin, alles Design abzulehnen.

Das Vorgefundene, das Mobiliar der Spießigkeit, der fleckige Putz wurden beibehalten. Auch Eberles Fotos der Klubräume und Kellereingänge hängen schlicht an den vorgefundenen Wänden, die sich hier blitzweiß über dem noblen Parkettfussboden erheben. Dazu rieselt aus Plastikhauben leise Technomusik. Die abgeratzte Berliner Ästhetik kommt bei der kunstaffinen Mittelschicht Brasiliens ohne Frage als echt exotisch an.

Sven Marquardts Fotos der Berghain-Menschen stellen in ihrer analogen Schwarz-weiß-Dramatik und ihrem Exhibitionismus wiederum einen visuellen Bezug zum schwarz-weißen Video von Julian Rosefeldt her. Darin landet der verstörte Protagonist nach einem dilettantischen Ikarus-Fenstersturz und einer Irrwanderung durch eine Potemkin’sche Ruinenlandschaft voller nackter Passanten mit Hündchen und im Cancanrhythmus marschierender Soldatinnen in einer Bar namens „Deep Gold“.

Kein mephistophelischer Zerberus bewacht hier den Eingang in die Unterwelt. Dort wird getanzt, getrunken, gekokst, gehurt bis zur Entäußerung. Dort werden die Geschlechter getauscht, das Ich aufgehoben, die Nacht betrogen, der Tod gespielt, wie es vielleicht genauso im Berghain von heute passiert.

Buttbug als Modeschmuck

Was von der Orgie übrig bleibt, das protokolliert Marc Brandenburg. Wie ein Forensiker sammelt er auf dem ungefegten Boden die Spuren eines Wochenendes der Exzesse auf. Bei einer Ausstellung im Berghain installierte Brandenburg einen „Kiosk of Death“. Dafür tapezierte er die Scheiben eines altmodisch-futuristischen Kiosks mit Folien, auf denen die Zeichnungen von den Abfällen der Nacht aufgedruckt waren und als Abrubbel-Tattoos verschenkt wurden. Bildchen von Gummimasken, Kronkorken, Kabel.

In Belo Horizonte gibt es den Kiosk nicht, sondern nur die zu Tattoos verwandelten Ergebnisse seiner Tatortsicherung. Es sind spielerische Zitate, die keine dauerhaften Spuren auf den langen Beinen und nackten Armen der schönen brasilianischen Mädchen hinterlassen, die sich begierig damit vollkleben lassen.

Diese Tattoos sind aufklebbare Dekoration, der Schmerz der Verausgabung wird annulliert. Die Ausstellungsbesucher dürfen sich den Buttbug als abwischbaren Modeschmuck auf die Stirn kleben, das Abziehbild eines gebrauchten Kondoms in den Ausschnitt pappen.

Brandenburgs Berghain-Tattoos verlassen das Museum und spazieren auf den Körpern der Besucher durch die Stadt. Sven Marquardt lächelt für die Selfies seiner Fans in die Kameras, nimmt sich noch einen Plastikbecher Mineralwasser und verabschiedet sich ins Hotel zu einer Zeit, in der Berliner Klubs normalerweise noch nicht mal geöffnet hätten. In Belo Horizonte ist da aber auch schon alles ziemlich ausgestorben.