Berlin hat drei Opernhäuser, fünf große Sprechtheater und zwei große Kinder- und Jugendtheater. Sicher, es gibt auch das mit aktuell 94 Tänzerstellen gut ausgestattete Staatsballett. Aber Berlin unterhält keine einzige Landesbühne für zeitgenössischen Tanz. Wenn es nach den Empfehlungen eines von der Berliner Kulturpolitik einberufenen Runden Tisches Tanz (RTT) geht, der fast ein Jahr lang mit fünf unterschiedlichen Arbeitsgruppen tagte, dann wird sich das demnächst ändern. Ein dringender Nachholbedarf wird im Abschlussbericht des RTT konstatiert. Im Zahlenvergleich wird das Drama für die Kunstsparte Tanz verdeutlicht: In den Jahren 2015-17 betrug die Fördersumme für den Tanz inklusive Staatsballett 16,7 Millionen Euro (ohne Staatsballett sind es 8,1 Millionen). „Damit“, so konstatieren die Verfasserinnen Elisabeth Nehring und Karin Kirchhoff, „erhält die gesamte Sparte Tanz mit allen Orten, Ensembles und Akteur*innen pro Jahr gerade einmal genau so viel wie ein einzelnes Sprechtheater, die Schaubühne.“

Der Kunstform Tanz, der Bedeutung, die sie hat und dem Interesse, das ihr entgegengebracht wird, wird das nicht gerecht. In Berlin gibt es eine international renommierte Tanzszene und zahlreiche spannende, unterschiedlich große Orte. Vom Kreuzberger HAU über die Sophiensäle und die Uferstudios bis zum kleinen Dock 11. Es gibt als die beiden größten Aushängeschilder die Choreografinnen Sasha Waltz (die demnächst als Co-Direktorin ans Staatsballett wechselt) und Constanza Macras. Die beiden sind fast die einzigen in der Stadt, die eigene Compagnien mit festen Tänzerstellen unterhalten können. Sie treten frei schwebend auf den verschiedenen großen Bühnen dieser Stadt auf und spielen dabei in der Regel vor vollen, oft ausverkauften Häusern.

Zeitgenössischer tanz ist erst im 20. Jahrhundert entstanden

Genauso verhält es sich, wenn im Haus der Berliner Festspiele eine große, internationale Compagnie gastiert. Die Karten sind meist binnen weniger Tage ausverkauft. Kein Wunder, die Nachfrage ist groß, und das Angebot an größeren Produktionen ist, jenseits des gerade mal dreiwöchigen, ebenfalls überrannten Festivals Tanz im August, spärlich.

Im Feld der kleineren Produktionen ist Berlin mit seiner experimentell orientierten, international vernetzten Tanzszene bestens aufgestellt. Aber schon im Mittelfeld sieht das ganz anders aus und im oberen Segment erst recht. Nicht, weil in Berlin keine Choreografinnen arbeiten, denen man das nicht zutrauen würde und die nicht auch Interesse an größeren Formaten hätten. Aber es fehlen die entsprechenden Förderstrukturen − und es fehlt der eine, der zentrale Ort, an dem auch regelmäßig größere Gastspiele stattfinden könnten. So, wie es in anderen europäischen Metropolen wie etwa Paris oder London der Fall ist.

Historisch ist die Lücke plausibel. Der zeitgenössische Tanz ist erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, zu einem Zeitpunkt als die anderen Künste schon lange institutionell verankert waren. Doch wie wichtig eine solche institutionelle Verankerung auch für den Tanz ist, zeigt nicht zuletzt die deutsche Geschichte. In den 1920er- und frühen 30er-Jahren zählte Berlin zu den weltweit wichtigsten Zentren der neuen zeitgenössischen Tanzkunst. Der „German Dance“ wurde zu einem stehenden Begriff. Nach 1945 war davon so gut wie nichts mehr übrig. Während in den USA der 50er-Jahre etwa ein Merce Cunningham gemeinsam mit seinem Lebensgefährten, dem Komponisten John Cage, mit radikal neuen Tanzformen experimentierte, war in Deutschland der zeitgenössische Tanz fast völlig verschwunden. Klassisches Ballett war angesagt. Nur in Nordrhein-Westfalen war das anders. Dort gab es mit der Folkwang-Hochschule die einzige institutionelle Enklave, die zeitgenössischen Tanz beherbergte – und so erhalten blieb und künstlerische Laufbahnen wie die von Pina Bausch ermöglichte.

Die freie Szene agiert privatwirtschaftlich

Heute gibt es in NRW nicht nur das Wuppertaler Tanztheater, es gibt auch zwei große Tanzhäuser, ein drittes ist in Planung. Was ist schief gelaufen in Berlin? Eigentlich ist erst einmal viel richtig gelaufen. Seit Ende der 70er-Jahre hat sich in den damals noch frei stehenden Fabriketagen in West-Berlin die freie Szene etabliert. Parallel wurden zunächst in die Akademie der Künste, ab 1989 dann ins Hebbel-Theater internationale Gastspiele geholt, die zeigten, was los ist in der internationalen Tanzwelt (davon hatte man in Berlin fast drei Jahrzehnte kaum etwas mitbekommen).

Nach der Wende wuchs die Szene immer weiter, spannende Künstler aus aller Welt kamen, neue leerstehende Orte wurden entdeckt und etabliert, vom Radialsystem bis zum Flutgraben. Immer neue Förderungen für Orte wie Künstler kamen dazu. Fördertöpfe wurden regelmäßig aufgestockt und umstrukturiert. Immerzu schien die Berliner Kulturpolitik etwas für den Tanz zu tun. Aber ein wesentliches Problem wurde dadurch übermäßig lange verdeckt. Die freie Szene agiert privatwirtschaftlich. Die Förderungen, auch wenn sie erhöht werden, bleiben immer in bestimmten Grenzen. Aus dem damit gesteckten Rahmen gibt es, wenn es keine größeren, keine Landesbühnen gibt, in die man hineinwachsen kann, kein Entkommen. Man bleibt im Kleinen stecken, auch wenn man unbedingt zu Größerem in der Lage wäre.

Variable Bühne mit 600 Plätzen?

Die Größe von Kunst hängt nicht von der Größe der Bühne ab. Es gibt in Berlin eine ganze Anzahl außerordentlicher Künstler, die ihre große Kunst nicht anders als im kleinen Rahmen zeigen wollen. Doch wünschen sie sich dafür eine Förderung oberhalb der Armutsgrenze. An dieser Sackgasse erst die Institution einer Landesbühne für Tanz etwas ändern können. Ebenso an dem Mangel an Ensembles und dem Mangel an größeren Gastspielen.

Bei einer Anhörung im Kulturausschuss Mitte Februar wurden die Vorschläge des RTT Berlin von den meisten Abgeordneten wohlwollend aufgenommen. Der Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert sprach gar von einem Neubau, den man planen solle. Erst einmal soll ein Team ein Konzept für dieses Haus erarbeiten. Soviel steht fest: Den bereits bestehenden, etablierten Orten darf das Tanzhaus nicht das Wasser abgraben. Die unterfinanzierte Szene braucht trotzdem eine bessere Förderung. Eine Landesbühne für Tanz muss zusätzlich zum Bestehenden gebaut und eingerichtet werden. Ein Ort, an dem möglichst unterschiedliche Tanzkünste und Ästhetiken zusammenkommen können, vom Staatsballett bis zur radikalen Konzeptkunst. Ein Tanzarchiv und ein Zentrum für Tanzvermittlung gehören unbedingt dazu.

Die ganz große Bühne, sie wird dabei sicher nicht finanzierbar sein. Im Abschlussbericht des RTT ist von einer variablen Bühne mit 600 Plätzen die Rede. Größere Bühnen stehen in der Stadt bereits zur Verfügung. Thomas Oberender, der Chef der Berliner Festspiele, hat zumindest ein gewisses Engagement versprochen. Wenn an der Volksbühne eine neue Intendanz berufen wird, warum nicht eine feste Anzahl an Gastspieltagen für den Tanz vertraglich sichern? Unabhängig davon, wer das Haus übernimmt. Berlin wächst weiter. Neues Geld fließt. Es sieht so aus, als ob Kultursenator Klaus Lederer, sein Staatssekretär Torsten Wöhlert und die grüne Kulturpolitikerin Sabine Bangert die Chance ergreifen und das institutionelle Defizit im Tanz überwinden wollen. Vierzig Jahre nachdem die Forderung das erste Mal erhoben wurde.

Michaela Schlagenwerth war Mitglied des Runden Tisches Tanz Berlin.