Helmut Lethen über die Rolle Balthasar Graciáns im 20. Jahrhundert, Karl Heinz Bohrer über Das Problem des Sinns, Henning Ritter über Deutsche Dinge“, Willibald Sauerländer über Sedlmayr – alles gute Gründe ins neueste Heft der Zeitschrift für Ideengeschichte zu blicken. Ich habe bisher nur einen einzigen Beitrag gelesen. Die 25 Seiten von Luca Giuliani: „Ein Kelch für Mr. Warren“. Wer Neil MacGregors Buch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ gelesen hat (Wer es nicht getan hat, der lasse sofort ab vom Computer und beginne mit der Lektüre dieses Buches!), der weiß wovon die Rede ist. Ein silberner Kelch aus der Zeit des Augustus mit zwei homoerotischen Szenen darauf. Der 1950 geborene Luca Giuliani ist Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs. Vor allem aber ist er ein klassischer Archäologe, der es versteht, genau hinzuschauen. Er hat sich den Kelch näher angesehen und kommt zu dem Ergebnis: Der nach seinem ehemaligen Besitzer benannte Warrenkelch war ein Kelch für Mr. Warren, eine Fälschung also. Angesichts der Tatsache, dass man Giuliani 1979 den Kelch angeboten hatte, dass ihn dann das British Museum für mehr Geld erwarb, als es je für ein einzelnes Werk bezahlt hatte, könnte man denken, da macht einer die Trauben mies, die ihm zu hoch hängen. Aber Giuliani wäre nicht Giuliani, wenn es ihm nicht gelänge, unsere Augen zu schärfen. Er hat recht: So gelangweilt schaut keiner antiken Abbildung der Geliebte weg, während der Liebhaber sich in seinem After breitzumachen versucht. „Noch aufschlussreicher ist ein scheinbar marginales Detail: Der aktive Mann fasst den Oberschenkel des Geliebten nicht von außen, sondern von innen.“ Es gibt dazu eine Entsprechung auf einer Keramik aus Arezzo. Da geht es aber um eine Frau. Der Mann „benutzt das Bein der Frau gewissermaßen als Hebel, um deren Vulva zu öffnen und sich Zugang zu verschaffen. Bei der homoerotischen Kopulation a tergo wäre eine solche Bewegung aus anatomischen Gründen sinnlos, daher greift der aktive Mann nicht von innen, sondern von außen nach dem Oberschenkel des Partners. Seine Bewegung zielt darauf, dessen Körper an sich zu pressen.“ Die Silberschmiede, die den Warrenkelch herstellten, waren Meister ihrer Kunst, hatten aber keine Ahnung über die Unterschiede der Wege zu Vulva und After. Wie kam es zur Fälschung? Darüber weiß man nichts. Aber Giuliani reimt es uns in schönster Plausibilität zusammen: 1895 war in Boscoreale in der Nähe von Neapel ein Silberfund gemacht worden. Mehr als 100 Silberobjekte mit einem Gesamtgewicht von etwa 30 Kilo aus frühkaiserlicher Zeit. Edward Perry Warren (1860-1928), Sohn eines durch die Papierherstellung aus Holz- und Zellstoff – statt wie bis dahin meist üblich aus Lumpen – sehr reich gewordenen Amerikaners, wollte die Stücke für das Museum in Boston ererben. Aber er scheiterte an Edmund de Rothschild, der die Kollektion erwarb und sie dem Louvre schenkte. Natürlich wurde sie zuvor restauriert. 1911 wurde Warren ein römischer Silberbecher angeboten. Man kann angesichts des verrückten Preises vermuten, dass es der war, der heute im British Museum steht und als Warrenkelch bezeichnet wird. Warren zahlte damals 2000 Pfund dafür. Sein Privatassistent hatte ein Jahresgehalt von 250 Pfund. Luca Giuliani: „Wenn die hier skizzierte Geschichte das Richtige trifft, dann trägt der Warren-Kelch seinen Rufnamen durchaus zu Recht. Es dürfte sich um eine Auftragsarbeit handeln, die ganz und gar auf Edward Perry Warren ausgerichtet war, die ihn und keinen anderen als Käufer im Visier hatte. 1911 hätte kein Museum der Welt die Erwerbung eines solchen Objektes gutheißen oder rechtfertigen können. Umso genauer traf der Silberbecher den Geschmack von Edward Perry Warren.“

Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft VII/3, Herbst 2013, C.H. Beck Verlag, 128 Seiten, 12,90 Euro.

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