Kirsten Rulf ist freie Fernsehautorin beim WDR und war eineinhalb Monate auf Einladung der Robert-Bosch-Stiftung beim chinesischen Staatsfernsehen CCTV. Das wöchentliche Politmagazin, für das Rulf arbeitete, richtet sich an englischsprachige Zuschauer in China und im Ausland. Es soll erklären, wie China auf Ereignisse im Ausland blickt, greift aber auch Themen aus China auf.

Man stellt sich das chinesische Staatsfernsehen als Herz der Zensur und der Unterdrückung freier Meinungsäußerung vor. Was war Ihr erster Eindruck, wie ist man Ihnen begegnet?

Der Empfang in der Redaktion war erst mal wenig freundlich: Die Abteilungsleiter wussten gar nicht, dass ich kommen würde, man hat mich drei Stunden stumm in der Ecke stehen lassen, ich durfte mit niemandem reden, nichts anfassen. Man wollte offenbar nicht, dass die Mitarbeiter mit mir Kontakt haben, westliche Ideen aufschnappen. Anfangs begegnete man mir mit sehr viel Misstrauen – man wechselte zum Beispiel ins Chinesische, wenn ich etwas nicht mitbekommen sollte. Das hat sich aber später geändert, nach einigen Wochen waren die Kollegen sehr interessiert an mir, und wir haben uns dann auch recht offen ausgetauscht. Mit manchen der chinesischen Kollegen habe ich sogar so etwas wie Freundschaft geschlossen.

Worüber berichtet das Magazin, für das Sie gearbeitet haben?

Über alle möglichen Themen: Etwa über den Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten in Peking oder über die Ereignisse in Libyen – man nimmt schon sehr genau wahr, was in der Welt passiert und berichtet darüber, genau wie wir westlichen Journalisten. Nur eben aus einer chinesischen Sicht. CCTV hat ja nicht nur den englischsprachigen Kanal, sondern auch einen auf Spanisch, Arabisch, Russisch, Französisch – eben jene Sprachräume, mit denen die Chinesen Geschäfte machen wollen.

Wie äußert sich im Programm dieser besondere chinesische Blick auf die Welt?

Es gibt ein paar Beispiele, an denen man das festmachen kann: etwa die Berichterstattung über Pakistan: Das Land gilt bei uns ja oft als Hort des Terrorismus, das Regime gilt als fragwürdig – das ist in China ganz anders. Dort berichtet man sehr freundlich über Pakistan, nennt das Land einen „Allwetter-Partner“, also einen Partner in allen politischen Situationen. Aktionen der pakistanischen Regierung werden besonders positiv dargestellt. Das liegt an den außenpolitischen Interessen Chinas, etwa über Pakistan einen Zugang zum Indischen Ozean zu erhalten. Die Medien, also auch meine Sendung, hatten ganz klar solchen außenpolitischen Zielen zuzuarbeiten. Noch deutlicher wird das, wenn es um Afrika geht. Dort wird Ende des Jahres ein Korrespondentenbüro mit über 100 Journalisten eröffnet – auch ein Zugeständnis an die Außen- und Wirtschaftspolitik. Bei uns herrscht ja immer dieses Bild, dass Afrika ein armer Kontinent ist, der unsere Hilfe braucht. Der chinesische Blick ist eher, dass Afrika sehr reich ist an Rohstoffen und deshalb ein angesehener Wirtschaftspartner, den man umgarnen möchte. Das spiegelt sich auch in der Berichterstattung wider. Bevor das neue Studio in Nairobi eröffnet, hat CCTV zum Beispiel alle afrikanischen Botschafter in Peking zu einem großen Abendessen eingeladen und offen gefragt: Über was sollen wir berichten? Was hättet ihr gerne? Der chinesische Blick und das Programm von CCTV ist sehr stark von wirtschaftlichen und außenpolitischen Interessen gelenkt.