Die Lippen, über die das Wort von der Apokalypse in Syrien kommen, sind tiefrot. Sie sagen: „Die Bevölkerung Syriens wird vor unseren Augen in Zeitlupe getötet.“ Die junge schöne Frau, die da spricht, trägt ein schwarzes Kleid, tief ausgeschnitten, hochhackige Pumps, ihre Wangen sind schwarz von Ruß. Von Fassbomben spricht sie, das sind Ölfässer gefüllt mit Sprengstoff, Metall, Nägeln. „Lassen Sie mich Ihnen zeigen, was passiert, wenn eine solche Bombe ein Kinderzimmer trifft.“ Und dann sieht man auf einer Leinwand am Berliner Bahnhof Friedrichstraße Männer im Schutt wühlen. Sie schreien. Einen winzigen Arm graben sie aus, einen Kopf, einen Körper. Sie bergen ein Kind, zwei Jahre alt. Mutter und Schwester sind tot. „So sieht der Zivilisationsbruch in Syrien aus“, sagt die Frau.

Es ist eine Performance, die hier stattfindet, inszeniert von der Berliner Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ um Philipp Ruch. Eine Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, nennen sie sich. 2009 haben sie Angela Merkel in den Philippinen bei Ebay versteigert. Zustand: Gebraucht, visionslos, uninspirierend. 2012 kündigten sie an, das Werk des Waffenproduzenten Heckler&Koch in Süddeutschland unter Blei und Sand verschwinden zu lassen, so wie Tschernobyl, damit aus dem „tödlichsten Unternehmen Deutschlands“ keine tödlichen Produkte mehr entweichen können. Sie wollten 1000 Rettungsinseln für Flüchtlinge im Mittelmeer einrichten, damit weniger ertrinken. Seerosen für Afrika nannten sie das Projekt. Es sind Versuche, ethische Konzepte auf die Wirklichkeit zu übertragen. Die Diskrepanz, die sich dabei auftut, lässt die Sturmtruppe für sich sprechen.

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