Charlie Chan at the Olympics.
Foto: Zeughauskino

Berlin gehört zu den am häufigsten abgefilmten Orten der Welt. Jan Gympel hat es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst alle professionell hergestellten Filme zu erfassen, die explizit in seiner Geburtsstadt spielen; eine nahezu titanische Mission. Dafür betreibt der Publizist und Kurator unter anderem eine Website, stellt Programme zusammen und kommentiert diese. Für seine aktuelle Retrospektive „Berlin international“ konnte er dank finanzieller Unterstützung durch den Hauptstadtkulturfonds aus dem Vollen schöpfen. Besonders seltene Ausgrabungen wurden zutage gefördert.

Gympel interessierten diesmal die Blicke von außen – sind diese doch imstande, Phänomene wahrzunehmen, über welche die Eingeborenen oft gleichgültig hinwegsehen. Das Spektrum umfasst 25 zwischen 1924 und 1995 entstandene Beiträge aus mehr als zehn Ländern.

Grandioser Unsinn in Berlin

Und doch ist dies nur ein kleiner Ausschnitt: eine Art Appetizer, der Lust auf noch mehr macht. Wer hätte etwa ahnen können, dass es mit „Charlie Chan at the Olympics“ einen Hollywood-Detektiv-Schinken gegeben hat, bei dem der Titelheld 1936 mit dem Zeppelin „Hindenburg“ zu den berühmt-berüchtigten olympischen Spielen über den Atlantik geflogen kam? Oder dass das italienische Komiker-Duo Totó & Peppino unmittelbar nach dem Mauerbau im Westteil der Stadt seinen grandiosen Unsinn trieb? Claude Chabrol versuchte sich 1990 an einer Fortsetzung des Mabuse-Stoffes („Dr. M“) und scheiterte an seinen eigenen Berlin-Klischees. In der vergessenen, 1965 nach einem Drehbuch von Jurek Becker entstandenen DEFA-Komödie „Ohne Pass in fremden Betten“ verirrt sich ein tschechischer Transitreisender in einem überraschend turbulenten Beziehungskarussell in Berlin, Hauptstadt der DDR.

Wesentlich ernster geht es in „Der Fall von Berlin“ von Michail Tschiaureli zu – wenn auch hier inzwischen zum Glück der unfreiwillige Humor überwiegt. Der 1950 im gesamten Einflussbereich des Kremls gestartete Monumentalfilm schlägt in fast drei Stunden einen Bogen vom deutschen Überfall auf die Sowjetunion über Stalingrad bis nach Berlin. Hier landet im Mai 1945 Generalissimus Stalin gottgleich mit einer Luftflotte, segnet alle befreiten Völker und kündigt ihnen den baldigen Eintritt ins kommunistische Himmelreich an. Dies alles vollzieht sich als nicht enden wollende bonbonfarbene Apotheose, die heute glücklicherweise nur noch grotesk wirkt.

Für den serbischen Pionier des subversiven Kinos Dušan Makavejev (1932–2019) bot das Material dieses Films einen willkommenen Steinbruch zur Zweitverwertung. In „Gorilla bathes at Noon“ (1993) bediente er sich in bester Piratenmanier einiger Szenen aus Tschiaurelis Stalin-Oper. Anhand eines desertierten sowjetischen Offiziers, der in einen illustren Kreis von Überlebenskünstlern aus aller Welt gerät, erzählt er varietéartig von der bröckligen Macht und ewig-widerständigen Energien. Berlin wird dabei als viriler Schmelztiegel gefeiert, lange bevor dies zum touristischen Klischee mutierte.

Berlin International – Rare Blicke ausländischer Filmschaffender 1924–1995, Zeughauskino, noch bis zum 21. November.