Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.
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BerlinDer Leiter der Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Marcel Reich-Ranicki bis zu seinem offiziellen Arbeitsende 1988 war, hatte für mich bis dahin keine Rolle gespielt. Wenn ich ehrlich bin, habe ich in der Zeit meines Studiums der Germanistik Mitte der 80er-Jahre so gut wie gar keine Literaturkritiken gelesen. Das saisonale Erscheinen neuer Titel nahm ich kaum wahr, und als ich in den persönlichen Umkreis Michael Rutschkys gelangt war, des Herausgebers der Zeitschrift Der Alltag, war ich für das Geschäft der Literaturkritik ohnehin verloren.

Rutschky war vom herkömmlichen Literaturbetrieb, in den ich doch auch irgendwie hineinwollte, recht weit entfernt. Aber natürlich beobachtete er ihn sehr genau. Über Marcel Reich-Ranicki machten wir uns bestenfalls lustig. Der Drang zum Urteil und zur Meinungsfreude war der Rutschky-Schule, die natürlich keine Schule war, verpönt. Vom literarischen Verständnis eines Marcel Reich-Ranicki jedenfalls wähnte ich mich denkbar weit entfernt.

Nachdem ich jedoch 1999 Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau geworden war, schien eine Begegnung nahezu unvermeidlich. Die erste war nicht physischer Natur und eher unangenehm. Bei einem Empfang mit dem üblichen Feuilleton-Personal wurde mir in Berlin eine Autorin vorgestellt. „Der hier ist auch aus Frankfurt“, hatte ein Kollege gesagt, ehe er mich allein mit ihr zurückließ. Ich hatte nicht einmal ihren Namen verstanden und plauderte sogleich über eine soziologische Unterscheidung von Frankfurt und Berlin, die ich meinte gemacht zu haben. Unvermittelt wandte sie sich plötzlich von mir ab. Erst später erfuhr ich, dass es sich um Angelika Klüssendorf gehandelt habe, die gerade in Trennung von Frank Schirrmacher lebte, dem Nachfolger Reich-Ranickis bei der FAZ. Für sie schien allein der Name Reich-Ranicki, den ich beiläufig erwähnt hatte, ein unerträgliches Reizwort gewesen zu sein.

Marcel Reich-Ranicki begegnete ich persönlich das erste Mal beim Spazierengehen im sogenannten Frankfurter Dichterviertel. Ich grüßte ihn und seine Frau im Vorbeigehen, eher reflexhaft, wie man eine Person eben grüßt, die man aus dem Fernsehen kennt. Die Ranickis grüßten freundlich zurück, durchaus darüber erfreut, dass man sie auf der Straße erkannte und ihnen wohlgesonnen war. Natürlich blieb er für mich der Mann aus dem Fernsehen. „Das Literarische Quartett“ nahm ich als willkommene Unterhaltung wahr, nicht als ein ernstes Gespräch über Literatur. Die subtile Rangordnung war, von außen betrachtet, sehr putzig. Die Gäste waren allesamt gestandene Literaturkritiker, aber in der Sendung waren sie Novizen auf Bewährung. Marcel Reich-Ranickis Lust am Dozieren war mir fremd, auch wenn sie bisweilen sehr amüsant war. Es war gut, dabei nur Zuschauer zu sein.

Und doch saß ich eines Abends neben dem großen Marcel Reich-Ranicki auf dem Sofa. Der österreichische Autor Robert Schindel stellte in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde die Verfilmung seines Romans „Gebürtig“ vor, der von der Vergangenheitsbewältigung von Deutschen und Juden jener Generation handelt, die nach dem Holocaust kam. Der Marcel Reich-Ranicki, den ich in diesem Rahmen erlebte, war eine gänzlich andere Person als jene, die man von der Literaturbühne kannte, im „Literarischen Quartett“ oder in Klagenfurt. Er hörte zu, sprach mit den Gemeindemitgliedern, viele von ihnen gleichaltrig und wohl auch mit ähnlichen Lebensgeschichten wie er. Marcel Reich-Ranicki musste sich hier nicht als literarischer Zuchtmeister aufspielen. Man schätzte ihn als den, der er war. Er selbst schien das Gefühl zu haben, niemandem etwas vormachen zu müssen. Ich habe vergessen, worüber wir miteinander sprachen. Natürlich war er es, der geredet hat, und er erfreute sich daran, dass ein in seinen Augen junger Mann ihm zuhörte. Wir haben uns später noch einige Male getroffen.

Ein letztes Mal habe ich ihm dann am 27. Januar 2012 im Deutschen Bundestag in Berlin zugehört, als er dort die Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hielt. Er sprach tonlos, seine Stimme klang dünn-gebrochen, zusammengekauert hockte er am Lesepult des Sitzungsaals im Bundestag. Es strengte ihn spürbar an, aber alle, die dabei waren, schienen zu ahnen, dass er einen letzten Auftrag zu absolvieren hatte. Marcel Reich-Ranicki gab Zeugnis, er war es sich und der Geschichte schuldig.

Die Methode Reich-Ranicki? Seit diesem Vormittag im Deutschen Bundestag glaube ich, dass es auch dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki immer darum zu tun war, Zeugnis abzulegen. Das Feuilleton seiner Zeit mag er so oder so beeinflusst haben, mit seinem Lebensbericht vom 27. Januar 2012 hat er auf beeindruckende Weise die Grenze zwischen Essay und Literatur aufgehoben.

Der Text ist die gekürzte und bearbeitete Fassung eines Beitrags zum gerade erschienenen Buch Gunter Reus: Marcel Reich-Ranicki. Kritik für alle, wbg Theiss, 224 Seiten, 25 Euro