Der Rammstein-Sänger und Lyriker Till Lindemann
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BerlinUm eines gleich vorwegzunehmen: Es handelt sich um abscheuliche Gedichte, richtig hartes, kaum zu ertragendes Zeug, das zu einer berechtigten Debatte über Tabugrenzen in der Lyrik geführt hat. Was die Literaturkritik in Wallung versetzt, ist der neue Band des Rammstein-Sängers Till Lindemann. Vieler Worte braucht es nicht, um die derben Sujets der Texte zu beschreiben: Körper klatschen aneinander, Frauen bleiben für Geld bei ihren Männern, notgeile Senioren sabbern im Angesicht junger Damen am Strand. Die Welt erscheint als ein Pfuhl sexueller Verkommenheit. 

Im Fokus des Skandals stehen vor allem Gedichte, die Vergewaltigungen verharmlosen. Während etwa die Geliebte schläft, weiß das lyrische Ich die Situation eiskalt auszunutzen: „Schlaf gerne mit dir wenn du träumst/Weil du alles hier versäumst/Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht das Spaß)/Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas)/Kannst dich gar nicht mehr bewegen/Und du schläfst/Es ist ein Segen“. Ähnliches findet sich in dem Poem „Totentanz“, das das Geschehen in altbekannte Gartenmetaphorik einpflegt. So muss sich die Frau um die Pflege der männlichen Natur sorgen: „Die Eier rollen aus dem Nest/Halt mich an deinen Haaren fest/Nie wieder meine Wollust stillen/Willst wieder es mit Widerwillen“.

Verborgene Analyse

Dass diese Verse Verwerfliches schildern, ist unbestritten. Ihre Gemachtheit und ihre Integration in vollständige Textkompilation verrät jedoch einiges über den Hintergrund der Gedichte. Auf der Oberfläche mögen sie Gewalt feiern, Frauen zur Konsumware, Männer zu Sexmaschinen degradieren. Doch darunter verbirgt sich auch die Analyse einer von Gleichgültigkeit und eines inneren Vakuums gekennzeichneten Gesellschaft.

Mehrfach trifft man im Band auf Stellen wie „Dir tut einfach nichts mehr weh“ oder „Bist du schon tot / Oder lebst du nur nicht mehr“. Die Empathielosigkeit zeigt sich übrigens nicht geschlossen auf der Ebene eines traurigen Geschlechterkampfes. Dieser wird vielmehr ständig mit der Unterwerfung von Tieren assoziiert: Ein Hase wird geschlachtet, „den Kopf kriegt der Hund/Den Rest auf den Tisch/Das kenn ich/Ich kenne den Vater […] Er körpert die Mutter/Schlägt Rücken und Bauch/Das kenn ich“. In einem anderen Text wird  mit einem „Fleischklopper“ auf eine Kreatur eingeschlagen, während die Kinder heulen. Bestialisch zeigt Lindemann, wie die Gewalt die soziale DNA in sämtlichen Bereichen des Zusammenlebens bestimmt. Ein Satz wie „Nein du sollst nicht töten“ leuchtet zwar inmitten emotionaler Finsternis auf, entfaltet allerdings keinerlei Wirkung.

Dass die Texte jedoch nicht nur Worte aus dem Feld der Verrohung nutzen, sondern auf eigenartige Weise mit Motiven wie Herz, Seele und Tränen spielen, gibt Auskunft über das ästhetische Verfahren. Indem der Autor Anleihen der romantischen Sprache mit seinen brutalistischen Schilderungen kollidieren lässt, offenbart er die vermeintliche Leere unserer Liebesideale. Es geht bei diesen Dissonanzen schlichtweg um Dekonstruktion, um Infragestellung, um schmerzvolle und skrupellose Anklage des Status quo.

Perverse Codes

Neu und daher nur begrenzt skandalwürdig ist dieses Verfahren nicht: Elfriede Jelinek betreibt in ihren mit teils perversen Codes versehenen Dramen seit Jahrzehnten nichts anderes, als die Sehnsuchtskultivierung des 18. und 19. Jahrhunderts in Kontrast zum spätmodernen Körperkonsum zu setzen. Man denke auch an Marquis de Sades’ Zerstörungsreigen „Die 120 Tage von Sodom“, Arthur Schnitzlers „Reigen“, Vladimir Nabokovs „Lolita“ – Gewalt, insbesondere an Frauen, durchzieht die Literaturgeschichte. Nicht einmal die Lyrik, diese scheinbar zarteste Gattung, erweist sich als unschuldig. Von Angelus Silesius’ „Die Psyche begehrt ein Bienelein auf den Wunden Jesu zu sein“ bis hin zu Goethes samtigsüßen, im Kern archaischen Deflorationsgedicht „Heideröslein“ reichen die dichterischen Zeugnisse, die Vergewaltigungen ästhetisieren. In den Poemen eines Charles Bukowski begegnen einem  genauso krude Geschehnisse wie bei Lindemann.

Till Lindemann: „100 Gedichte“

Herausgegeben und mit einem Vorwort von Alexander Gorkow. Mit Zeichnungen von Matthias Matthies. KiWi. 160 Seiten, 18,00 Euro

Dessen Verse  stehen in einer langen Reihe von Tabubrüche – und besitzen keinerlei Erneuerungspotenzial. Mit ihrem  volksliedhaften Ton, den kindlichen Reimspielen muten sie bisweilen sogar unterkomplex an. Auf den ersten Blick charakterisieren sie Lindemann in all seiner umstrittenen Präsenz: als Schwerenöter, mit ständig wechselnden Partnerinnen, als Jäger. Erkennt man in ihnen allerdings eine kritische Volte, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die Texte – wie so oft – klüger sind als ihr Autor. Sie dokumentieren  ein Kranksein, mithin einen verdorbenen Kunstgriff, der schwer auszuhalten ist und möglicherweise mehr über unsere Gesellschaft aussagt, als uns lieb ist.