Zitty - der Schriftzug des Berliner Stadtmagazins
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BerlinEnde der 70er-Jahre führte der erste Weg nach der Ankunft in Berlin zum Kiosk. „Musste haben“, hatte mir ein Freund gesagt. „Wenn Du wissen willst, was los ist.“ Wollte ich natürlich, also griff ich zum Stadtmagazin Zitty, das in dem Ruf stand, ganz nah dran zu sein an der urbanen Subkultur.

Das Konkurrenzblatt Tip stand in der schön übersichtlichen kulturellen Dichotomie jener Jahre für Mainstream, also große Konzerte und Hollywoodkino. Auf den Seiten der Zitty roch es nach feuchter Kälte und Zigaretten, ganz wie während meines ersten Berliner Konzerts, das ich 1977 auf Weisung von Zitty im Quartier Latin an der Potsdamer Straße gesehen hatte. Klaus Doldingers Passport, stand da beinahe unauffällig als Zweizeiler in der Programmspalte. Tickets? Kein Problem. Berlin erschien mir als Eldorado kultureller Verfügbarkeit, und Zitty war darin verlässlicher Wegweiser. Und als Anfang der 80er-Jahre Häuser besetzt wurden, galten Zitty und taz als Blätter mit Bewegungsnähe.

Das distinktive Spiel zwischen groß-glänzend und erdig-rau jedenfalls hielt sich über Jahrzehnte, auch wenn sich die mitunter als Glaubensfrage aufgefasste Leser-Blatt-Bindung irgendwann verbrauchte. Längst kannte ich Leute, die alle beide lasen. Manche schworen auf die Kinoberichterstattung des Tip, während Marius Babias‘ und Claudia Wahjudis Texte für mich zu wichtigen Gradmessern aus dem Berliner Kunstleben wurden. Die Karikaturen von Freimut Wössner, Kriki und anderen bebilderten ein Lebensgefühl aus Projekt, günstiger Gelegenheit und Selbermachen.

Wie viel Leidenschaft in diese Mischung aus Veranstaltungshinweisen und reflektierter Stadtbeobachtung einging, durfte ich Anfang der 90er-Jahre aus nächster Nähe erleben, als ich durch eine Art Sommervertretung die Redaktion kennenlernte. Chefredakteur war damals Bruno Preisendörfer, der meine Reportage über Berliner Büchereien scharf redigierte und dann gnädig zur Veröffentlichung freigab. Intellektueller Anspruch und leicht lesbare Texte, so Preisendörfers Credo, dürfen einander nicht ausschließen. Nach diesem Prinzip schrieb er später auch seine überaus erfolgreichen kulturhistorischen Bestseller über die Bach- und Goethezeit.

Galt Zitty lange als Grundnahrungsmittel des kulturellen Überlebens, so wurde es schließlich zum verzichtbaren Kioskartikel. Wenn sich Gewohnheiten verfestigen, bedarf es der täglichen Multioptionalität nicht mehr. Mehrfach wechselte Zitty den Besitzer, am Ende kam das Blatt wie der Tip aus einer Hand, der Go City Media GmbH (GCM). Diese hat nun beschlossen, Zitty einzustellen, eine Abschiedsausgabe soll es nicht mehr geben.

Mit dem Blatt stirbt in Berlin nicht nur ein Stück Mediengeschichte. Zusammengenommen ergeben das Aus des Stadtmagazins und des Kinos Colosseum in der Schönhauser Allee ein Menetekel für das spontane Ausgehen. Das urbane Selbstverständnis, sein Leben nach ähnlichen Prinzipien entwerfen zu können wie einen gelungenen Abend gleich um die Ecke, ist dahin. Die Corona-Krise, heißt es nun im kühl-überheblichen Wirtschaftsjargon, erwische viele Unternehmen, die vorher schon angeschlagen waren. Für das kulturelle Berlin aber bedeutet diese ökonomische Zwangsläufigkeit das Ende eines Farbenreichtums, der gerade auch aus Sumpfblüten hervorzugehen vermag.