Die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Ufer. 
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Berlin Seit 40 Jahren wird über den Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) debattiert. Nun ist man wieder so weit, wie man Mitte der 1980er-Jahre schon einmal war: Es gibt nach einem komplizierten und von der ZLB mit großem Engagement betriebenen „Dialogverfahren“ drei neue städtebauliche Machbarkeitsstudien für eine Erweiterung der 1954 eingeweihten Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) am Halleschen Ufer.

Seit dem Spätsommer des vergangenen Jahres haben Architekten, Landschafts-, Verkehrs- und Bibliotheksplaner, aber auch interessierte Bürger vor allem aus Kreuzberg über Modellen, Studien und Plänen für das große Gelände zwischen Zossener Straße, Waterloo-Ufer am Landwehrkanal, Blücherplatz und Blücherstraße gesessen. Dass die weite Wiese hin zur Zossener Straße Baulandreserve für die Bibliothek ist, steht zwar seit den 80er-Jahren fest.

Lösungwege nicht einfach 

Aber wie soll künftig mit dem vorzüglichen Bau der AGB umgegangen werden, der unter Denkmalschutz steht, mit den davor gelegenen Grünflächen und der verkehrsreichen Blücherstraße? Und vor allem, wohin sollen die etwa 38 000 Quadratmeter gewuchtet werden, die die ZLB als künftige „Metropolenbibliothek“ plant? Heraus gekommen sind drei städtebauliche Varianten, die von den Planern der Büros Urban Catalyst GmbH, David Chipperfield Architects Berlin und LK Argus bearbeitet wurden.

In der einen wird die Amerika-Gedenkbibliothek seitlich eingefasst von sie deutlich überragenden Baukörpern entlang der Blücherstraße, in der anderen ergänzt um einen zunächst flacheren, dann zur Zossener Straße hin bis zu einem veritablen Turm ansteigenden Baukörper, der den Blücherplatz um einen hofartigen Nebenplatz erweitert. Und dann gibt es noch die Lösung mit einem einzeln stehenden, ungewöhnlich massigen und hoch ragenden Baukörper an der Ecke Zossener Straße und Waterloo-Ufer.

Wohlgemerkt: Das sind keine Entwürfe, sondern Massenstudien. Bedauerlicherweise wurden die Modelle dazu im Rohzustand belassen, was die kommende Debatte erheblich belasten dürfte. So erscheinen die Baumassen nämlich noch gröber verteilt, also sie schon sind. Auffällig ist auch, dass die zeitweilig als denkbar bezeichnete Erweiterung des ZLB-Geländes über die Blücherstraße hinaus auf eine Ecke des bisherigen Friedhofsgeländes offenbar passé ist.

Ein langer Weg

Seit dem Jahr 1980 wird die Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek am Hallschen Ufer gefordert, die seit 1996 mit der Stadtbibliothek an der Breiten Straße Hauptstandort der Berliner Zentral- und Landesbibliothek ist. Das Wettbewerbsergebnis von 87 fiel den Sparrunden der 90er zum Opfer. 2013 scheiterte ein Projekt für das Tempelhofer Feld. Nun soll wieder an der AGB gebaut werden. Öffentliche Bibliotheken sind seit etwa 2000 eine der wichtigsten Kultur-Bauaufgaben. Berühmt wurden seither etwa die Neubauten in Seattle (Architekt Rem Koolhaas / OMA, 2004), Amsterdam (Jo Coenen, 2007), Birmingham (Mecanoo, 2013), Aarhus (Schmidt Hammer Lassen 2016), Tianjin (MVRDV 2017) oder Helsinki (ALA Architects 2018).

Ein gewaltiges Kulturzentrum ist das Ziel

Immerhin zeigen die Modelle genau, wohin nach dem Willen von ZLB, Bezirksamt und Senatskultur- und Senatsbauverwaltungen die Reise gehen soll: Zu einem auch baulich gewaltigen Kulturzentrum, dass sich in seinen Proportionen eher an den hohen Wohnhäusern nördlich des Landwehrkanals als an die Mietskasernenstadt im westlichen Kreuzberg anschließt. Dabei ist das Raumprogramm für die ZLB unter ihrem Direktor Volker Heller bereits massiv zusammengestrichen worden – beim Wettbewerb für das dann am Tempelhof-Referendum gescheiterten Projekt waren 2013 noch 51 000 Quadratmeter gefordert worden.

So sollen Baukosten gespart werden. Im Großen und Ganzen bestätigen diese drei Modelle aber, was schon die Ergebnisse des vergangenen Schinkel-Wettbewerbs 2018 vermuten ließen: Das Raumprogramm für diese „Metropolenbibliothek“ ist immer noch sehr umfangreich, die zur Verfügung stehenden Grundstücke müssen massiv bebaut werden, um es zu fassen.

Das liegt wesentlich daran, dass die ZLB bisher plant, in diesen Neubau auch eher auf die unmittelbare bezirkliche Umgebung ausgerichtete Aufgaben wie etwa Arbeitsräume für Nutzer – sogenannte Maker-Spaces –, Lernzimmer für Schüler oder Spezialabteilungen wie etwa das Berlin-Forschungszentrum sowie die gesamte Verwaltung mit unterzubringen.

Neue Debatte um ZLB-Neubau 

Kultursenator Klaus Lederer betonte in seiner Stellungnahme zu dem Projekt sogar ausdrücklich, dass die neue ZLB „die Vision einer mit der sozialräumlichen Umgebung interagierenden und integrativ wirkenden Bildungs-, Kultur- und Begegnungsstätte“ verwirklichen soll. Aber die Institution ZLB ist vor allem eine Gesamtberlinische. Methodisch folgen die Planer denn auch weiter dem Beispiel etwa von Birmingham oder Amsterdam.

Verworfen wird dagegen bisher das Vorbild etwa der Public Library New Yorks oder der sensationellen neue Hauptbibliothek Oodi in Helsinki. Diese konnten stadträumlich auch deswegen relativ bescheiden bleiben, weil etwa die Büros der Mitarbeiter oder ganze Spezialabteilungen an andere Standorte ausgelagert blieben. Kurz: Es kann davon ausgegangen werden, dass die öffentliche und die politische Debatte um den ZLB-Neubau neues Feuer gewinnt.