Mit dem Titel „Zonenmädchen“ haben diese fünf Freundinnen so viel zu tun, wie die frisch gefangene Sardine mit der Büchse, in der sie später zur Fischmahlzeit wird: Nichts. Beides sind Verkaufsvehikel. „Zonenmädchen“ führt überdies in die Irre, denn den Begriff „Zone“ würden diese jungen Frauen nie im Leben auf sich bezogen haben, im Gegenteil. Er fällt auch nicht in dem Film. Wer hat denn in den Achtzigerjahren, als diese 1971 oder 1972 geborenen Mädchen zur Schule gingen, noch abwertend von Zone gesprochen? Nicht mal die Bild-Zeitung. Und diese fünf waren selbstbewusste, strebsame, erfolgreiche Abiturientinnen in Dresden. Aus dem Tal der Ahnungslosen, wie betont wird. Aber hat die Tatsache, dass in dieser „ahnungslosen“ Gegend kein West-Fernsehen empfangen werden konnte, die Sehnsucht nach dem Ende der DDR gedämpft oder verstärkt? Dem wird nicht nachgegangen.

Die Regisseurin Sabine Michel hat einen Film über sich und ihre Freundinnen gedreht. Die fünf waren 1990 Abiturientinnen und machten sich angesichts der einzigartigen Umstände – das Land ihrer Kindheit befand sich in Auflösung, der Weg zu ihrer Sehnsuchtsstadt Paris war nicht mehr vermauert – auf den Weg an die Seine. Sie begannen ihr Erwachsenen-Dasein als Au-pair-Mädchen.

Nicht mehr viel Gemeinsames

Dann treffen sich die fünf 23 Jahre später erneut in Paris und Dresden. Und es stellt sich heraus, dass ihre Lebenswege sehr verschieden verlaufen sind. Eine bleibt in Paris, arbeitet als Lehrerin und lebt nach zerbrochener Liebe und unerfülltem Kinderwunsch allein in einer winzigen Wohnung. Eine bekommt ungeplant vier Kinder, wird Sozialarbeiterin in Berlin und wirkt insgesamt mürrisch. Eine legt eine Karriere als deutsch-französische Kunstanwältin hin. Eine bricht ihr Studium ab, wird Gastwirtin und heiratet eine Frau. Die Filmemacherin verlässt den portugiesischen Vater ihrer Tochter und kehrt mit ihr zurück nach Berlin.

Die einst Unzertrennlichen haben nicht mehr viel Gemeinsames, verstehen sich nicht mal mehr richtig gut. So ist das Leben – nicht das besondere, sondern das ganz normale. Was also will der Film erzählen? Gibt es irgendetwas, das er uns über gewöhnliche Schicksale hinaus mitteilen kann? Etwas Allgemeingültiges über den einzelnen Lebensweg hinaus?

Nazi-Opas, überlastete Mütter

Die Autorin versucht es mit dieser Klammer: Sie fragt, ob es eine Rolle spielt, wo die fünf aufgewachsen sind, wie viel „Zone“ noch in ihnen steckt. In einem sind sie sich überwiegend einig, dass sie sich ein Leben ohne Berufstätigkeit nicht vorstellen können. Gut, da sind sie fraglos geprägt von ihren berufstätigen Müttern. Aber sonst? Die Anwältin glaubt, dass ihr ein wichtiger US-Auftrag entgangen wäre, hätte sie ihre Herkunft als Ostdeutsche preisgegeben. Sie ist überdies recht zufrieden mit dem heutigen Wirtschaftssystem, lehnt dafür selbst einen Begriff wie Kapitalismus ab. Der komme ihr vor wie aus früherem Polit-Unterricht. Die Lehrerin mit inzwischen französischer Staatsbürgerschaft hat ihren Schülern bisher auch nichts von ihrer Ost-Vergangenheit erzählt, als sei das ein Makel. Vermutlich ist man nicht stolz, mit einem Verlierer-Regime in Verbindung gebracht zu werden.

Aber die Frage nach dem Einfluss des Ostens auf die Entwicklung der Frauen im Westen bleibt rein rhetorisch und wird an keiner Stelle vertieft. Womöglich gibt es keinen, das Arbeitsleben begann ja erst. Nazi-Opas, brave oder überlastete Mütter, Sehnsucht nach der Welt dagegen waren in West-Familien mindestens so häufig wie im Osten. Die Filmemacherin hat ihren Freundinnen ein privates Denkmal gesetzt. Anderthalb Kinostunden trägt das Thema keinesfalls.

Zonenmädchen Dtl. 2013. Regie und Buch: Sabine Michel. 75 Minuten, Farbe.