Zora Neale Hurston.
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Berlin„O Gott, wusst ich‘s doch, du bist‘s, die mich ruft. Sonst ruft niemand meinen Namen von drüben überm Wasser, nur du.“ Als Zora Neale Hurston, die bedeutende Schriftstellerin, Volkskundlerin und Anthropologin im Sommer 1927 vor dem Häuschen von Cudjo Lewis steht und ihn bei seinem afrikanischen Namen, Kossula, nennt, reagiert er mit Freudentränen darauf, dass sie mit ihm spreche wie in „Afrikaland“.

Es sind die Jahre der „Harlem Renaissance“ in New York, Jahre der Blüte und des erstarkenden Selbstbewusstseins afroamerikanischer Kultur. Die in New York lebende Künstlerin Hurston ist beauftragt, den bekanntermaßen letzten amerikanischen Sklaven aufzusuchen und zu befragen, nicht zuletzt zu den Abläufen des letzten großen Sklaventransports von 1859. Kossula-Cudjo ist 86 Jahre alt und glücklich über das Interesse an seiner Geschichte: „Danke, Jesus! Dass jemand kommt und nach Cudjo fragt!“

Hurston wird ihn über zwei Jahre hinweg immer wieder besuchen, und ihn mit dem Respekt der Volkskundlerin „ohne interpretierende Einmischung seine Geschichte auf seine Weise erzählen“ lassen. „Du sollst allen erzählen überall, wo du hingehst, was Cudjo sagt und wieso ich in Amerikaland bin seit 1859 und meine Leute nie mehr wiedersehe. Ich kann mich nicht richtig ausdrücken, verstehst du, aber ich geb‘s dir Wort für Wort, damit es nicht zu komisch ist für dich.“

Und so folgt Hurston mit großer Genauigkeit nicht nur seinen Worten, sondern auch seinen Stimmungen. Das Erinnern ist für Cudjo von Schmerz und Einsamkeit begleitet, mitunter vergisst er seine Gesprächspartnerin oder sagt ihr: „Lass mich allein. Cudjo ist müde“, oder: „Komm nicht vor nächste Woche wieder, jetzt muss ich im Garten Gras mähen.“ Bis Hurston mit Pfirsichen oder Melone dann wieder vor der Tür steht.

Cudjo erzählt von den ersten 19 Jahren seines Lebens im afrikanischen Dorf, den grausamen kriegerischen Bräuchen dort, von den Initiationen, die er auf dem Weg vom Jungen zum Mann noch erlebte. Er erzählt von jener Nacht, als der König eines anderen afrikanischen Stammes mit seinen Leuten sein Dorf überfiel, schlachtete und mordete, ihn mit vielen anderen gefangen nahm und in „Barracoons“, Baracken, am Meer sperrte. Es war das Jahr 1859, als „das Donnergrollen der Sezession bereits von einem Ende der Vereinigten Staaten zum anderen zu hören war“.

Und so ließen die Auftraggeber in Mobile, Alabama, die „Clotilda“ heimlich und unbemerkt von den Behörden auslaufen, schleusten später genauso heimlich die 116 Sklaven ein, die 70 Tage in der Mittelpassage bei 1,50 Raumhöhe, zusammengepfercht gehockt hatten. In Amerika angekommen, muss Kossula fast sechs Jahre lang Schiffe be- und entladen. „Der Aufseher haut dich mit der Peitsche, wie es ihm passt. O Gott! O Gott! Fünf Jahre und sechs Monate war ich Sklave. Ich hab so hart gearbeitet! … Bin ich dankbar, als sie mich befreien!“ 12 Millionen Menschen sind, so informiert das Nachwort von Deborah G. Plant, von 1450 bis 1865 verschleppt und versklavt worden. Aber auch die Freiheit danach ist, wie Kossulas Geschichte zeigt, von härtestem Rassismus imprägniert.

Auf die glücklichen Jahre, in denen die Afrikaner ihrem vormaligen Besitzer Land abkaufen – „sie lassen keine fünf Cent vom Preis für uns nach“ – und ihr  Dorf „African Town“ gründen; in denen Kossula seine Frau Seely findet und mit ihr sechs Kinder hat, folgen schlimme. Nach einem von der Bahn verschuldeten Unfall erhält Kossula, arbeitsunfähig, keine Entschädigung. Und nachdem sein erster Sohn von einem Hilfspolizisten aus dem Hinterhalt erschossen wurde, verlor Kossula nach und nach alle sechs Kinder sowie seine Frau an Krankheit, Unfall und Mord. Hurston begleitet den Erinnerungsprozess mit einer hohen menschlichen und sprachlichen Sensibilität, die „Barracoon“ bei aller Härte zu einer Lesefreude macht. Umso mehr erscheint es als bittere Ironie der Geschichte, dass Anfang der 1930er Jahre kein Verleger bereit war, die authentisch unter Beibehaltung von Cudjos Dialekt erzählte Geschichte zu publizieren.

In ihrer Autobiogafie „Ich mag mich, wenn ich lache“, wird Hurston zehn Jahre später diese Begegnung ausführlich reflektieren. „Das Heimweh nach Blutsbanden und kultureller Zugehörigkeit“ habe für Cudjo nie aufgehört, sein „Gefühl der Verstümmelung“ habe auch ihr selbst das Herz schwer gemacht.

Für Zora Neale Hurstons literarische Haltung und Verfahren, die sich in „Barracoon“ ausdrücken, war die Zeit wohl noch lange nicht reif.

Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Hg. von Deborah G. Plant. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Penguin, München 2020. 222 Seiten, 20 Euro