Ob sich Michelle Pfeiffer, 62, manchmal ärgert? Wenn sie nachts nicht schlafen kann, denkt sie dann daran, wie sie damals, Anfang der Neunzigerjahre, die Hauptrolle in „Das Schweigen der Lämmer“ ablehnte? Immerhin erhielt ihre Kollegin Jodie Foster dann für ihre Darstellung der FBI-Agentin Clarice Starling im Kannibalen-Thriller den Oscar. Später entschied sich Pfeiffer auch noch gegen eine Mitwirkung im Welterfolg „Basic Instinct“, in dem schließlich Sharon Stone die weibliche Hauptrolle übernahm.

Und so verwundert es nicht, dass mit Blick auf Pfeiffers Karriere häufig insinuiert wird, diese habe seit den Neunzigerjahren nicht unerheblich unter einer sehr vorsichtigen Rollenwahl gelitten. Schließlich ging es erst einmal steil bergauf mit der blonden Schönheit aus Kalifornien, die 1976 nach ihrem Schulabschluss zunächst Stenografie studierte und sich dann, unzufrieden mit dieser Fächerwahl, mehr und mehr der Schauspielerei widmete.

Der Trailer zu „Silence of the Lambs“. Nachdem Pfeiffer ablehnte, übernahm Jodie Foster die Hauptrolle.

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In „Grease 2“ erhielt sie 1982 ihre erste Hauptrolle, dann kam der Durchbruch als Tony Montanas Frau in „Scarface“. Plötzlich war Pfeiffer bekannt, die Rollenangebote flossen nur so herein. Mit den „Hexen von Eastwick“ und den „Gefährlichen Liebschaften“ bewies sie ein gutes Händchen für kommerziell erfolgreiche Produktionen, für Filme wie „Die fabelhaften Baker Boys“, „Das Rußland-Haus“ oder „Frankie & Johnny “ gab es Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen.

Auch in den Neunzigern sah man Pfeiffer durchaus noch in ikonischen Rollen, etwa als Catwoman in Tim Burtons Comicverfilmung „Batmans Rückkehr“. Doch bald darauf wurde es deutlich stiller um die US-Schauspielerin, einige Jahre zog sie sich komplett aus dem Filmgeschäft zurück, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Erst im Jahr 2007 kehrte Pfeiffer zur Schauspielerei zurück.

Interviews mit ihr liest man selten, doch nun hat sie dem Magazin New Yorker eines gegeben und auch gleich klargestellt, warum sie damals nicht in „Schweigen der Lämmer“ mitspielen wollte: Sie sei ängstlich gewesen, weil dem Film etwas Böses innegewohnt habe. Und: „Es war, dass das Böse am Ende siegte.“ Mit diesem Ende habe sie sich nicht wohlgefühlt. „So etwas wollte ich nicht in die Welt setzen.“

Tatsächlich äußerte Pfeiffer im Nachgang Bedauern über ihre Entscheidung: „Am meisten bedauere ich, dass ich die Gelegenheit verpasst habe, mit Jonathan Demme einen weiteren Film zu machen.“ Mit dem 2017 verstorbenen „Silence of the Lambs“-Regisseur hatte Pfeiffer Ende der Achtzigerjahre die Komödie „Die Mafiosi-Braut“ gedreht. Im Interview verteidigte Pfeiffer ihren vorübergehenden Rückzug aus dem Filmbusiness – aber auch ihre Hartnäckigkeit in Bezug auf Rollen: „Es hatte viel damit zu tun, dass ich eine Familie habe und diese priorisieren wollte. Dadurch musste ich wählerisch sein: Wohin ich ging, wann ich ging, wie viele Wochen es waren, konnte ich die Kinder mitbringen?“ Dadurch sei es kompliziert geworden, mit ihr zu arbeiten und: „Für mich war es einfacher, die meiste Zeit nicht zu arbeiten.“

„Cool rider“: Michelle Pfeiffers Auftritt in „Grease 2“ wird derzeit auf Tiktok wiederentdeckt.

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Inzwischen ist Pfeiffer zurück – und auf der Videoplattform Tiktok auch bei jungen Leuten wieder ein Hit. Dort posten Nutzerinnen die Songs aus „Grease 2“ und imitieren Michelle Pfeiffers Tänze dazu. Unter dem Stichwort „Unleashing my inner Michelle“ wird da ganz schmerzfrei die innere Michelle entfesselt. Herrlich!

Am Ende darf man wohl konstatieren: Michelle Pfeiffer hat das alles gar nicht geschadet. Im New-Yorker-Interview erlebt man eine sehr sympathische, selbstreflektierte Frau, die weit davon entfernt ist, langweilige Hollywoodphrasen zu dreschen. Die vielleicht noch mit sich hadert, aber viele Entscheidungen in ihrem Leben auch gut vertreten kann. Was will man denn eigentlich mehr?

Und mit der Ablehnung großer Rollen und dem vielleicht manchmal fehlenden richtigen Händchen ist Michelle Pfeiffer ja in bester Gesellschaft: Nicolas Cage war mal als Aragorn in „Der Herr der Ringe“ vorgesehen, Sean Connery sollte den Gandalf spielen, verstand aber das Drehbuch nicht. Gwyneth Paltrow wollte nicht als Rose auf die „Titanic“ und John Travolta mochte einen komischen Typen wie Forrest Gump nicht spielen, weshalb er die Rolle ohne zu zögern ablehnte.