Der Verleger Siegfried Unseld auf der Frankfurter Buchmesse1967.
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BerlinAm 1. Juli 1950 gründete Peter Suhrkamp (1891-1959) in Berlin den Suhrkamp-Verlag. Es war ein Sonnabend. Das war damals noch ein ganz normaler Arbeitstag. Vom 1. Juli bis zum 7. August stellte die DDR-Regierung die vereinbarten Strom- und Wasserlieferungen nach West-Berlin ein. Den Hauptsitz seines Verlages siedelte Suhrkamp, nachdem er auch mit Stuttgart geliebäugelt hatte, dann in Frankfurt am Main an.

Der Suhrkamp-Verlag war das Produkt einer Auseinandersetzung. Peter Suhrkamp hatte einen Teil des S.-Fischer-Verlags für die emigrierte Verlegerfamilie während der Nazizeit geleitet. Als Gottfried Bermann-Fischer (1897-1995) aus dem Exil zurückkam, einigte man sich nach heftigen Auseinandersetzungen darauf, dass Suhrkamp den von ihm geleiteten Teil des S.-Fischer-Verlages als eigenen Verlag fortsetzt. Die Autoren konnten und mussten sich entscheiden, ob sie mit Gottfried Bermann-Fischer in dem ebenfalls in Frankfurt am Main angesiedelten alten neuen S.-Fischer-Verlag verlegt werden wollten oder aber im neuen Suhrkamp-Verlag.

In einem Radiointerview erklärte Peter Suhrkamp schon im Mai 1950, Bert Brecht, Hermann Hesse, Hermann Kasack und Rudolf Alexander Schröder hätten für ihn votiert. An ausländischen Autoren nannte er T.S. Eliot und Max Frisch. Im selben Interview erklärte Peter Suhrkamp: „Ich werde auf keinen Fall den Verlag ausweiten nach dem ausgesprochen Politischen hinüber, sondern ich werde immer einen literarischen Verlag führen.“

Der Suhrkamp-Verlag war nicht nur einer der ersten Verlage der ja erst 1949 gegründeten Bundesrepublik, er wurde auch für zehn, zwanzig Jahre zum wichtigsten bundesrepublikanischen Verlag. Dass es dazu kam, hat nichts mehr mit Peter Suhrkamp, sondern wesentlich mit Siegfried Unseld (1924-2002) zu tun. In einem Interview erzählt Unseld, dass ihm 1946 ein Lehrer Hermann Hesses „Siddhartha“ zu lesen gab. „Ich kam an den Satz: ‚Du sollst keiner Lehre folgen, sondern deiner selbst‘. Das war für mich eine frappierende Sache.“ Das ist die Botschaft der Bundesrepublik. Das Paradoxe war: Auch das war eine Lehre. Zu der jedoch gehörte, dass es viele Lehren gab, zwischen denen man sich nicht entscheiden musste, die man auch analysieren, in Stücke hauen konnte. Unselds Umtriebigkeit, seine Spürnase für großartige Mitarbeiter und Autoren, schufen, nachdem er 1959 Verlagschef geworden war, einen Verlag, der maßgeblich daran beteiligt war, das Gesicht der Republik zu ändern.

Mit Scheuklappen

Schon fünf Jahre früher, 1945, war in Berlin der Aufbau-Verlag gegründet worden. Als eine Einrichtung des Kulturbundes. Damals gab es noch keine DDR. Der Aufbau-Verlag war ein deutscher Verlag in der sowjetisch besetzten Zone. Ihm wurden Scheuklappen angelegt. Die Geschichte des Aufbau-Verlages ist die Geschichte des Streits darum, was sie Leserinnen und Leser von der Welt erkennen ließen und was nicht. Dass Scheuklappen nötig seien, darüber bestand zwischen den Streitenden meist Einigkeit.

Zu den ersten Publikationen des jungen Verlages gehörte Alexander Abuschs (1902-1982) im mexikanischen Exil entstandenes Buch „Der Irrweg einer Nation“, von dem im Laufe der ersten Jahre mehr als 100.000 Exemplare verkauft worden sein sollen. 1930 bis 1932 war Abusch Chefredakteur der Roten Fahne, des Zentralorgans der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen. Er wurde später Kulturminister der DDR. Bei und von ihm konnte man lernen: Der Antifaschismus der frühen DDR war ein Stalinismus. Für ihn wie für die meisten deutschen Kommunisten der DDR war das selbstverständlich.

Schon Peter Suhrkamp hatte 1951 Adornos (1903-1969) „Minima Moralia“ ins Programm genommen. Damit war einer der Grundakkorde der 1973 von George Steiner so genannten „Suhrkamp-Kultur“ angeschlagen. Eine kritische Gesellschaftstheorie, die keiner Lehre folgte, die so weit ging, auch über die Aufklärung, die sie betrieb, aufklären zu wollen. Adorno war auch darum eines der wichtigsten Elemente der Suhrkamp-Kultur, weil er zeigte, weil er demonstrativ vorführte, wie verführerisch schön Theorie sein konnte. Er wurde dafür kritisiert, ja angefeindet. Aber in Wahrheit war die Vorstellung: Argumente können überzeugen, überzeugen aber sei unfruchtbar, während Gedanken, in Worte gefasst, die Verhältnisse zum Tanzen bringen können. Es war eine der beflügelnden Ideen von 1968. „Phantasie an die Macht“ war eine Parole des Pariser Mai. Das war kein Beitrag zur Lösung der Klassenfrage, aber doch ein Hinweis auf den Hunger nach Theorie. Diese Verschmelzung ästhetischer und politischer Fragen war prägend für eine bestimmte Phase der bundesrepublikanischen Entwicklung.

In der DDR entstand große Literatur. Hans Mayer freilich, so berichtet Siegfried Unseld 1960 von einem Besuch in Leipzig, bezeichnete die literarische Situation der DDR „als trost- und aussichtslos. Interessant seien von allen Jüngeren nur das Ehepaar Heiner und Inge Müller. Mit diesen Leuten sollten wir doch in Verbindung treten vor allem auch in Hinblick auf den Theater-Verlag.“

In der DDR wurde Heiner Müller in dem für das Theater zuständigen Henschel-Verlag herausgebracht. Bei Suhrkamp erschien 1966 „Philoktet. Herakles 5“. Ab den 70er-Jahren waren seine Stücke bei Rotbuch nachzulesen. Die Theaterrechte lagen beim Verlag der Autoren, der von vor Unseld fliehenden Lektoren des Suhrkamp-Theaterverlages gegründet worden war. Von Inge Müller, die an einigen Heiner-Müller-Stücken mitgearbeitet hatte, erschien eine Sammlung Gedichte erst 1985 im Aufbau-Verlag, herausgegeben von Richard Pietraß. Viele der großen Autorinnen und Autoren der DDR erschienen bei Aufbau. Zum Beispiel Christoph Hein, Irmtraud Morgner, Christa Wolf. Der Aufbau-Verlag war in diesem Sinne durchaus mit der Bedeutung des Suhrkamp-Verlages für die Bundesrepublik zu vergleichen.

Aber irgendetwas, das auch nur im Entferntesten mit dem Theorie-Angebot des Suhrkamp-Angebots vergleichbar gewesen wäre, gab es in der ganzen DDR nicht. Das hat nichts mit der Qualität der Autoren, Verlage und Lektoren zu tun, sondern einzig und allein mit der Miserabilität der Zustände. Die selbstverschuldete Unmündigkeit der DDR-Führung führte sie und ihr Land in den Untergang. Es gab keinen Wettbewerb der Ideen. Der Meinungskorridor wurde eng gehalten und scharf kontrolliert. Natürlich von denen, die den geringsten Durchblick hatten. Das gehört immer zusammen.

Literatur und Theorie

An den Versuchen, zu einer „formierten Gesellschaft“ zu kommen, hatte es in der BRD nicht gefehlt. Sie waren immer wieder gescheitert. Davon lebte der Suhrkamp-Verlag, das beförderte er. Zu den Wundern der letzten Jahrzehnte gehört, dass er überlebt hat, dass er die verrückten Angriffe zweier seiner ehemaligen Gesellschafter abzuwehren verstand. Er hat aber nicht nur überlebt. Er ist immer noch ein Verlag, in dem Literatur und Gesellschaftstheorie zusammenkommen – und nicht nur bei den großen, immer noch veröffentlichenden Alten: Hans Magnus Enzensberger (90), Jürgen Habermas (91), Alexander Kluge (88), Friederike Mayröcker (95). Bei Suhrkamp sind in diesem Frühjahr u.a. auch erschienen: Markus Gabriel (40), Leslie Jamison (37), Samanta Schweblin (42).

Wir sind geneigt, was ist, für selbstverständlich zu halten. Darum habe ich bei der Erinnerung an die Gründung des Suhrkamp-Verlages auch über die Mauer geschaut. Eine freie, eine unübersichtliche Verlagslandschaft war die Grundvoraussetzung für das Wachsen und Gedeihen nicht nur von Suhrkamp, sondern auch der Gesellschaft. Wir wissen nicht, wie sich die grandios vergrößerte Unübersichtlichkeit des World Wide Web auswirken wird auf unsere Lust, uns möglichst viele Lehren anzuschauen, ohne einer ein Leben lang zu folgen. Wie viel Chaos ertragen wir, ohne verzweifelt nach Ordnung, Orientierung und Werten zu rufen? Wie lange sind wir fähig, Kritik zu ertragen, bis wir nach dem Positiven schreien?

Autoren des Suhrkamp-Verlags haben uns immer wieder vertraut gemacht mit der Schönheit der Negation. Sie leugnet nicht, wie die Prediger des Positiven uns glauben machen wollen, das Leben. Sie ist das Leben selbst. Wer das bei Adorno nicht lesen mag, der lese die argentinische Suhrkamp-Autorin Samanta Schweblin. Auf die nächsten siebzig Jahre!