„Zu dumm, um Fußwege zu kapieren?“: Warum ich mich als Radfahrer gern mies fühle

Unser Kolumnist fühlt sich schlecht, wenn er als Radfahrer auf Fußgängerwegen unterwegs ist. Zumindest ein bisschen. Er tut es manchmal trotzdem. Warum nur?

So gehört sich das: mit dem Fahrrad auf den Fahrradweg – in der Theorie.
So gehört sich das: mit dem Fahrrad auf den Fahrradweg – in der Theorie.imago/Stefan Zeitz

Oft wird so getan, als gäbe es im Straßenverkehr drei Lager: Autofahrer, Fahrradfahrer, Fußgänger; wobei die Fahrradfahrer und die Fußgänger landläufig als Koalition, als Zweckbündnis und als Leidensgemeinschaft betrachtet werden. Schließlich sind sie, wenn es bei einem Unfall hart auf hart kommt (also Blech auf Knochen), ja zumeist die Unterlegenen. Gegenüber den Autos. Nun beschleicht mich der Eindruck, dass diese Dreiteilung im Straßenverkehr so nicht ganz stimmt.

Zum einen verläuft die Front auch oft genug zwischen Fuß- und Fahrradvolk. Etwa bei unklaren Verhältnissen, wo der Fahrradstreifen endet. Zum anderen sind viele Fahrradfahrende auch andern Fahrradfahrenden ein Ärgernis mit ihrem „forschen“ „Fahrstil“. Viele Drahteseltreter haben im Straßenverkehr zudem die dreiste Angewohnheit, nach Lust und Laune (will meist heißen: grüner Ampel) zwischen Bürgersteig und Fahrbahn hin- und herzuswitchen. Auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen und dann auch noch auf beiden die Marzipan-Rosinen aus den Hochzeitstorten picken!

Manchmal kommt auch all dies zusammen: Man wird als Fahrradfahrer auf dem Fußweg von Passanten übelst beschimpft – und verachtet sich dafür ein wenig selbst, so von Radfahrer zu Radfahrer, von Ego zu Ego. Um es klar zu sagen: Manchmal schwenke auch ich mit dem Rad auf den Fußweg. Wohl wissend, dass ich eine Ordnungswidrigkeit begehe. Etwa wenn die Straße seit etlichen Jahren wegen Bauarbeiten eng ist wie eine Kegelbahn (Beispiel: Karl-Marx-Straße). Oder die Autos dort fahren als wäre man bei der Hobby-Formel-1 (ebenfalls: Karl-Marx-Straße). Oder das Kopfsteinpflaster ist unebener als auf der 2000 Jahre alten Via Appia in Rom und man fühlt sich beim Befahren als hätte man einen Schüttelfrost, ausgelöst von zehn frisch gespritzten Dosen Astrazeneca (Beispiel: Maybachufer).

Ich weiß, dass ich es trotzdem nicht tun sollte. It’s a sin. Nicht bloß, weil es im Ernstfall 15 bis 40 Euro Bußgeld kostet. Sondern auch, weil ich (ehrlich!) niemanden gefährden will. Ich fahre dann auch sehr langsam und vorsichtig. Die Fußgänger zollen es mir mit hitzköpfigen Zurufen, so als wären sie allesamt sadistische Freizeit-Dominas (heißt es männlich gegendert eigentlich Dominos?): „Zu dumm, um Fußwege zu kapieren?“, „Steig ab, du Wichser!“, „Auf die Straße, du Trottel!“. Insgeheim weiß ich, dass sie recht haben. Ein bisschen. Und ich verachte mich ein wenig selbst dafür. Aber pssst!