Julie Favreau „Will Deliquesce“, 2017; Video Still.
Foto: Schwartzsche Villa/ Julie Favreau

Berlin-In beiläufiger Berührung streift die Hand des Mannes über die nackte Schulter der Frau. Zwischen sie schiebt sich ganz langsam wie in Zeitlupe jemand Drittes. Und während eine weitere Person sich von dem Grüppchen entfernt, schwebt plötzlich ein hautfarbenes Objekt in die Szene. Als wäre das künstliche Körperteil gerade aus der ästhetischen Chirurgie entkommen, nimmt der technoide Fremdkörper Teil an dem meditativen Berührungsritual, an dieser Choreografie der Gesten und des Abtastens.  Und so entwickelt sich ein zärtlicher Tanz, der das Ergründen der Körperoberflächen und ihrer Haptik in intimer Nähe und zugleich kühler Distanz vorführt und in eine Art Trancezustand versetzt.

In ihrer Videoinstallation „Will Deliquesce“ greift die junge kanadische Künstlerin und Performerin Julie Favreau den seit jeher faszinierenden Topos der Beziehungen zwischen Mensch und Maschine auf. Fokussiert auf den Berührungssinn erweitert sie ihn jedoch zu einer Körper-, Art- und Gattungsgrenzen überschreitenden Sinnes-Maschine und erforscht so deren Beziehung zu Erotik und Begehren. Julie Favreau spielt darin auf eine Synthese aus Computertechnologie und Sinnlichkeit an, wie sie etwa in den inzwischen alltäglichen Wisch-Gesten vorkommt, mit denen wir die Oberfläche eines Smartphones streicheln.

Schon der Titel der Titel der Ausstellung „Bonds“ – Fesseln oder Bande – suggeriert diese Neigung zur mitunter zwanghaften haptischen Interaktion mit technischen Geräten. Julie Favreau überträgt diese auf das Zwischenmenschliche, belebte Materie trifft dabei auf unbelebte Dinge, die sich gegenseitig berühren und beeinflussen.

Julie Favreau „This Thing“, 2019, Video Still.
Foto: Schwartzsche Villa/ Julie Favreau

„Plops“ nennt sie die kunstfleischigen Flugobjekte zur Erforschung der erotischen Textur der Frauen, Männer und Transpersonen, die in dem Video wirken, als könnten sie ihren Aggregatzustand von einem festen Körper in flüssige Substanz verwandeln. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die Unschärfen sowie Lichtreflexe einer bewegten Glasscheibe, die das Bild zu verwässern scheint. „Will Deliquesce“ heißt denn auch wegschmelzen und könnte als Gedankenspiel verstanden werden, das sich gegen die Zustände von Distanz und Isolation wendet, die uns nicht zuletzt auch die gegenwärtige Pandemie auf bislang ungeahnte Weise aufzwingt.

Der lediglich acht Minuten kurze Film ist jedoch bereits 2017, also lange vor dem Ausbruch der Corona-Epidemie, entstanden, nachdem Favreau eingeladen wurde, mit einer Gruppe aus Philosophen und Biotechnologen an der ETH Zürich über Künstliche Intelligenz nachzudenken. Sind die „Plops“ also die zu Festkörpern mutierten Datenhaufen, aus denen die KI genannte Künstliche Intelligenz gespeist wird? „Vielleicht“, sagt Julie Favreau. „Auf jeden Fall generieren sich permanent neue Plops.“ In das in scheinbar unaufhaltsamer Vermehrung.

So hat Favreau an den Rand des großen Ausstellungsraums in der Schwartzschen Villa am Steglitzer Kreisel eine Art Gerüst für die neue Spezies gebaut, auf dem vereinzelt welche sitzen wie kleine, dem Filmstreifen entschlüpfte Tierchen. Eine Wandzeichnung in der von Christine Nippe kuratierten Schau zeigt, wie die Künstlerin, die als Stipendiatin 2017 ans Künstlerhaus Bethanien kam und seitdem neben Montréal auch in Berlin lebt, gestische Entwurfskizzen des Plops anfertigt. Auch in ihrer jüngsten Arbeit „This Thing“ spielt es eine zentrale Rolle. Eine junge und doch alterslos wirkende Frau wandert auf einer von der Sonne beschienenen Waldlichtung zu.

Um sie herum schwebt eines dieser biomorphen Kunstfleisch-Objekte, eine Hybridform aus Finger, Phallus, Ohr und Glückskeks. Die an ein Tanzritual erinnernde Annäherung ist aufgeladen von sinnlicher und spiritueller Energie, ohne dabei allzu sehr ins Esoterische abzugleiten. Favreau stellt hier eine Art Prolog vor zu einer Geschichte, die uns hinein in einen dunklen Wald führen wird, in eine ferne Zukunft. In ihren Videos hat sie sich der condition humana als Utopie verschrieben, die geprägt ist von Telekinese und erweiterten Realitäten aus feministischer Perspektive. Ein unverfroren erotisches Reich, in dem neue Formen der Intimität entstehen und herrschen.

Schwartzsche Villa, Grunewaldstraße 55 (Steglitz), Mo–So 10–18 Uhr. Bis 11. Oktober