In seinem Buch „Vor uns das Meer“ verarbeitet der Autor Alan Gratz bitterste Realität von Kindern. Hier im Bild: ein Boot vor Lesbos am 29. Februar 2020.
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Berlin Als die 15-jährige Freddie Overstegen und ihre zwei Jahre ältere Schwester Truus 1940 gefragt wurden, ob sie sich dem bewaffneten Widerstand gegen die Nazis anschließen wollen, stellte die Mutter den beiden eine einzige Bedingung: „Bleibt immer menschlich.“ Auf Seite 87 von Wilma Geldofs Buch „Reden ist Verrat“ sagt die Ich-Erzählerin Freddie: „Es ist etwas geschehen, wodurch ich kein Kind mehr bin.“ Was ist geschehen? Freddie musste für sich die Frage beantworten, wo Menschlichkeit aufhört. 

Ist der Nazi-Offizier, den sie in den Wald gelockt und erschossen hat, ein Mensch? Oder nur „Zielperson“, „Mof“ (das niederländische Pendant zu Nazi), „Schwein“? Nachdem sie ihn verbuddelt haben, geht ihr sein Gesicht nicht aus dem Kopf. „Ohne Uniform ist er kein Mof mehr. (…) Er ist wie wir. Heinrich. Vater. Mensch.“ Passagen wie diese machen die Geschichte der Freddie Overstegen erst zu der eindringlichen Lektüre, deren Wirkung anhält. Freddie, Truus und die später dazustoßende Hannie Schaft durchleben Hunger, sehen jüdische Kinder vor ihren Augen sterben und erleiden grauenhafte Verletzungen. Und sie werden mit Problemen konfrontiert, an denen die erwachsene Menschheit verzweifelt: Darf man einen Mörder ermorden? Einem Folterer das Menschsein absprechen? Wird man so selbst zum Unmenschen?

Josef ist elf, als er für seine Schwester ins KZ geht

Fragen, die auf quälende Weise wiederkehren, hat man es bis auf Seite 258 eines weiteren aktuellen Jugendbuchs geschafft. „Geschafft“ weil Alan Gratz’ thrillerspannende Fluchtgeschichten eben keine Thriller sind. „Vor uns das Meer“ ist Realität. Bitterste Realität – aus der Sicht dreier Kinder erzählt, die wie Freddie Overstegen sehr früh erwachsen werden. Josef ist elf, als er im Jahr 1940 seiner Mutter die Entscheidung abnimmt, welches ihrer Kinder sie behält und welches ins Konzentrationslager geht. Der Schmuck, den sie dem Soldaten bietet, reicht nur für eines. Josef oder Ruthchen.

Auch der zwölfjährige Mahmoud, 2015 auf der Flucht von Syrien nach Europa, rettet seine Schwester. Nach dem Kentern des Bootes im eiskalten Meer schwimmend, bittet er die Insassen eines anderen völlig überfüllten Kahns, wenigstens den Säugling mitzunehmen. Er fragt seine Mutter nicht; ihre Suche nach dem verlorenen Kind wird ihn von nun an in allen Lagern mit der Frage konfrontieren, ob er schwere Schuld auf sich geladen oder das Richtige getan hat. Isabel, die 1994 von Kuba nach Miami flieht, wirft eigenmächtig den Motor des Bootes ins Wasser, um das sinkende Schiff leichter zu machen. Die Familie schafft es paddelnd und schwimmend. Wissen konnte Isabel das nicht. Was für eine Bürde.

Leighton wagt nicht, ihre jüngeren Geschwister alleinzulassen

Schwer an der Verantwortung trägt auch Leighton in Kyrie McKauleys Roman „You are (not) safe here“. Sie wäre schon lange geflohen vor dem prügelnden Vater, wären da nicht ihre jüngeren Schwestern. Darf sie die beiden in der Kleinstadt Auburn zurücklassen, in der alle wissen, was diesem Haus voller Angst vorgeht, aber wegsehen? Sich an der Universität bewerben, auch nur einen Abend auf eine Party gehen? Und: Darf sie, Leighton, auch weiter schweigen? Als die Gewalt eskaliert macht Leigton nicht nur die häuslichen Zustände, sondern die Feigheit der ganzen Stadt in der Zeitung öffentlich. Sie bringt damit das Leben ihrer Familie in Gefahr, und dass ihre Geschichte gut ausgeht, daran lässt die Autorin keinen Zweifel, soll niemanden beruhigen.

Eine „Survival-Story“ nennt sie das Buch im Nachwort – „im Kern“. Denn, so schreibt sie weiter, sie spielt eben nicht im Dschungel, sondern „mittendrin“. Mitten unter uns. Und lässt eine Liste von Anlaufstellen folgen, an die sich Opfer oder Zeugen von häuslicher Gewalt wenden können. Freddie, Truus und Hannie lebten wirklich. Mahmoud, Josef und Isabel sind erfundene Figuren, doch viele Personen und Situationen in „Vor uns das Meer“ hat Alan Gratz der Zeitgeschichte entnommen. Leighton ist eine literarische Ich-Erzählerin. Was all ihre Schicksale eint: Kinder erleiden sie. Jeden Tag, überall dort, wo Gewalt und Krieg den Schwächsten Verantwortung und Fragen aufbürden, die sie mehr verwunden als Schläge und Waffengewalt und sie im Kindesalter zu gezeichneten Erwachsenen machen – unumkehrbar. „Ich habe erneut eine Grenze überschritten und kann nie zurück“, sagt Geldofs Freddie. Mögen alle drei Bücher auch viele erwachsene Leser finden. Damit auch sie sich den Fragen stellen.

Wilma Geldof: Reden ist Verrat. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Gerstenberg, Hildesheim 2020. 304 S., 18 Euro.  Ab 14 Jahren.

Alan Gratz: Vor uns das Meer. Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Hanser, München 2020. 304 S., 17 Euro. Ab 12 Jahren.

Kyrie McCauley: You are (not) safe here. Aus dem amerik. Englisch von Uwe-Martin Gutzschhahn. dtv, München 2020. 400 S., 14,95 Euro. Ab 14 Jahren.