Der Künstler Rirkrit Tiravanija im Mai 2019 in seiner interaktiven Ausstellung „Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Grün“ im Hirshhorn Museum in Washington. Der in Berlin lebende Künstler ist einer der Mitunterzeichner des offenen Briefs gegen die Verschiebung der Philip-Guston-Retrospektive.
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Es mag an der teils ermüdenden Schwerkraft des Internets liegen – wo jede und jeder zu allem und jederzeit eine Meinung äußert –, dass das an sich altmodische Medium des offenen Briefs in Debatten der letzten Monate eine neue Blüte erlebt: Erst im Juli warnten 153 Intellektuelle in einem vielbeachteten offenen Brief vor der vermeintlichen Verelendung der liberalen Debattenkultur. Das Schreiben, von Kultur-Schwergewichten wie Daniel Kehlmann, J.K. Rowling und Margret Atwood unterzeichnet, behauptete, diese drohe einer „ideologischen Konformität“ zu weichen. Der schnappatmige Schlachtruf gegen die „politische Korrektheit“, der den Brief begleitete, war alles in allem schwer nachzuvollziehen.

Jetzt ist ein weiterer offener Brief erschienen. Wieder ist es eine Reaktion auf eine Art Gesinnungsmoralismus. Diesmal aber hängt sich der Brief nicht an einem abstrakten Gefühl auf, sondern an einem konkreten Fall von Selbstzensur: Es geht um eine Ausstellung des US-Künstlers Philip Guston („Philip Guston Now“), die im Juni in der National Gallery of Art in Washington eröffnen und anschließend in Houston, Boston sowie in der Tate Modern gezeigt werden sollte, jetzt aber wohl um vier Jahre verschoben wird. Es bestehe die Gefahr, dass Gustons Bilder missinterpretiert würden, hieß es in der Begründung der Museen. Man wolle „schmerzhafte“ Erfahrungen vermeiden, die sie bei Betrachtern hervorrufen könnten.

Das Werk „Riding Around“ des US-Malers Philip Guston aus dem Jahr 1969 ist eines von vielen Werken des Malers, das Mitglieder des rassistischen Ku-Klux-Klan zeigt.
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Anlass der Kontroverse war ein Motiv, an dem Guston (1913–1980) sich jahrzehntelang abarbeitete: Er malte vermummte Mitglieder des rassistischen US-Geheimbunds Ku-Klux-Klan. Dass dies bei Guston keineswegs als Verharmlosung von Rassismus oder gar als Verherrlichung des Ku-Klux-Klan gelesen werden kann, sondern als Kritik von Rassismus als omnipräsente US-Alltäglichkeit zu verstehen ist, dafür sprechen sich die Unterzeichner des Briefs nun deutlich aus – im Magazin „The Brooklyn Rail“.

Die Museen wälzen ihre Mitverantwortung für Rassismus ab

Die Liste der Unterzeichner des Briefs liest sich wie eine Top-100-Auswahl der erfolgreichsten Künstler der Gegenwart – unter ihnen sind alte und junge, schwarze und weiße, queere und heterosexuelle Kunstschaffende: etwa Matthew Barney, Nicole Eisenman, Lorna Simpson, Adrian Piper. Sie bekräftigen darin die Stellungnahme der Guston-Tochter Musa Mayer zum Thema. Ihr Vater habe es gewagt, „dem weißen Amerika einen Spiegel vorzuhalten und so die Banalität des Bösen und systemischen Rassismus zu entlarven“, hatte Mayer gesagt.

Gerade jetzt, wo ein großer Teil Amerikas die überfällige Konfrontation mit Rassismus angeht, liege die Gefahr nicht darin, Gustons Werk anzuschauen, sondern darin wegzuschauen. Für Guston, der aus einer jüdischen Familie ukrainischer Einwanderer stammte, war die aktive Auseinandersetzung mit Rassismus stets zentral. Der Ku-Klux-Klan sah in ihm einen politischen Feind.

In dem Brooklyn-Rail-Brief bleibt es allerdings nicht bei der These eines kunsthistorischen Missverständnisses. Die betreffenden Institutionen, heißt es, würden mit ihrer Entscheidung, die Guston-Retrospektive zu verschieben, auch ihr eigenes Versagen anerkennen. Sie seien es, die sich den Herausforderungen einer „racial justice“ selbst nie wirklich gestellt hätten, die also keinen ernst zu nehmenden Umgang mit Rassismus entwickelten. Die Verschiebung der Ausstellung sei letztlich als ein Abwälzen von Verantwortung zu verstehen.

Für die derzeit laufende STUDIO/BERLIN-Ausstellung im Berghain hat einer der Mitunterzeichner des offenen Briefs – der in Berlin lebende Künstler Rirkrit Tiravanija – die Außenfassade des weltberühmten Tanzclubs mit meterhohen Lettern verziert: „Morgen ist die Frage“.
Foto: Studio Berlin

„Die Leute, die unsere Institutionen leiten, wollen keinen Ärger“, schreiben die Unterzeichner, „sie fürchten Kontroversen. Es fehlt ihnen an Vertrauen in die Intelligenz ihres Publikums.“ Das vielleicht überzeugendste Argument des Briefs, das aus dem Schlagschatten vergleichbarer Debatten rund um „Cancel Culture“ und die Grenzen des Sagbaren im Kunst- und Kulturbetrieb am deutlichsten hervortritt, ist folgendes: Weiße Vorherrschaft lasse sich eben nicht nur im Kulturkanon der Vergangenheit aufspüren – sondern insbesondere auch innerhalb der Strukturen und Institutionen der Gegenwart.

Auch der in Berlin lebende Aktionskünstler Rirkrit Tiravanija ärgert sich

Einer der Mitunterzeichner des offenen Briefs ist der Aktions- und Performance-Künstler Rirkrit Tiravanija. Berliner kennen Tiravanija vor allem für die monumental-symmetrischen Buchstaben, die er vor wenigen Wochen auf einem Banner an der Außenfront des Berghains anbrachte. Es ist die wohl meistfotografierte Installation der derzeit dort laufenden STUDIO/BERLIN-Ausstellung: „Morgen ist die Frage“ steht da – ein Satz, der die pandemischen Herausforderungen der Kunstwelt genauso spiegelt wie die der Clubkultur und der Gesellschaft als Ganzes.

Im Kontext der verschobenen Guston-Retrospektive gewinnt Tiravanijas „Morgen ist die Frage“ noch eine zusätzliche Bedeutung: Die Retrospektive soll nun ja auf das Jahr 2024 verschoben werden. Dazu die Kritiker: „Wenn sie meinen, dass dies in vier Jahren ‚alles vorbei sein wird‘, irren sie sich. Die Erschütterungen, die uns derzeit alle erschüttern, werden niemals enden, nicht, solange es keine Gerechtigkeit und Gleichheit gibt. Bilder des KKK zu verstecken, wird diesem Ziel nicht dienen. Ganz im Gegenteil.“ – „Morgen ist dieselbe Frage“, so könnte man es frei nach Tiravanija formulieren.