Ravi Shankar bei einem Auftritt im Jahr 1966
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BerlinIn „Norwegian Wood“ von den Beatles war 1965 zum ersten Mal im Pop-Kontext eine Sitar zu hören. Seither zirkulieren die flirrenden Töne des mit bis zu 20 Saiten bespannten indischen Zupfinstruments durch die westliche Musikkultur. Grund für die Fusion war die Begeisterung George Harrisons für den 2012 verstorbenen Virtuosen Ravi Shankar, der sich Anfang der 60er mehrfach in den USA aufhielt, um Platten einzuspielen und Konzerte zu geben. Die beiden freundeten sich an.

Harrison vermittelte Auftritte  Shankars auf den großen Hippie-Festivals in Monterey (1967) und Woodstock (1969). 1971 organisierten sie das legendäre „Concert for Bangladesh“ in New York. Schon lange vorher war Shankar in die Kinematografie eingegangen. Für die zwischen 1955 und 1959 von Satyajit Ray inszenierte „Apu-Trilogie“ hatte er die Musik geschrieben. Deren erster Teil „Pather Pachali“ (Apus Weg ins Leben) wurde in Cannes und auf weiteren Festivals ausgezeichnet und gilt als Geburtsstunde des modernen indischen Kinos. Shankars Soundtrack – er selbst stammte  aus einer wohlhabenden Brahmanen-Familie  – trug wesentlich zur empathischen Wucht dieser neorealistisch beeinflussten Armutsbiografie bei.

Enntäuscht von der Love-and-Peace -Bewegung

Nach seiner Mitwirkung an mehreren indischen Produktionen war seine Musik 1966 erstmals in einem westlichen Film zu hören: für den Underground-Klassiker „Chappaqua“ von Conrad Rooks steuerte er nicht nur den Soundtrack bei, er war neben Jean-Louis Barrault, William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Ornette Coleman auch als Darsteller zu sehen. Danach stieg er zum berühmtesten indischen Musiker im westlichen Kulturkreis auf. Als die Love-and-Peace-Bewegung immer stärker zum Vehikel wohlfeiler Marketingstrategien wurde, wandte er sich enttäuscht ab.

Shankar veröffentlichte zahllose Alben, leitete Workshops, nahm Professuren wahr und arbeitete mit Prominenten wie Yehudi Menuhin oder Phil Glass. Neben ihm war kaum Platz für andere Künstler aus dem Subkontinent. Dem Kino ging er zwischenzeitlich fast verloren. Bis der britische Regisseur Richard Attenborough 1981 sein Biopic über den indischen Nationalhelden Mahatma Gandhi umsetzte.

Zwei Minuten schwarze Leinwand

Seine Idee, Ravi Shankar mit der Filmkomposition zu betrauen, erwies sich als hoch wirksamer Kunstgriff. Unvergessen jener Moment nach der Szene, die sich dem 1919 von britischen Truppen an 400 Zivilisten verübten Massaker widmete. Bei schwarzer Leinwand war zwei Minuten lang nichts als die meditierende Sitar des Altmeisters zu hören. Seine Musik bot einen unvergleichlichen Resonanzraum zum Innehalten und für Einkehr. Darin liegt insgesamt ihre einzigartige Qualität.  Im Gegensatz zu Satyajit Rays Apu-Trilogie und „Chappaqua“  ist Attenboroughs Ghandi-Film   auf DVD und BluRay erhältlich.