Erfreulich und nervig: Herbie Hancock haut kraftvoll in die Tasten.
Foto: DAVIDS/Christina Kratsch

BerlinDen besten Effekt hob Herbie Hancock sich bis ganz zum Schluss auf. In der Zugabe seines Konzerts in der knapp ausverkauften Philharmonie am Montagabend teilte er die Blöcke des Saals in Chorabteilungen auf. Er gab jeweils verschiedene kleine Figuren auf der Keytar vor, der umgehängten Mischung aus Keyboard und Gitarre, und orchestrierte auf diese A-Capella-Weise eine vielstimmige und enthusiastisch ausgeführte Polyphonie.

So schlüssig, geradeaus und übersichtlich hätte man sich das Konzert auch früher schon gewünscht. Allein, Hancock und seine drei Begleiter hatten andere Pläne. In erster Linie monströse Wucht und in zweiter Linie akrobatische Musikalität vorzuführen. Selbst in den kurzen Momenten, die Hancock am Flügel verbrachte, hämmerte er meist strahlend mit beiden Händen steroidsatte Akkorde rauf und runter.

Digitales Blendwerk

Schön, dass er mit bald 80 noch so kraftvoll spielen kann. Wer ihn jedoch als eleganten Pianisten schätzt, als eher unterkühlten Freund von funkelnden Bögen und Präzision, schaute ihm eher ratlos zu.

„So viele Kabel!“, staunte Hancock mit ironischer Verwunderung ins Publikum, als er, in schlichtem Kampfsportschwarz mit roten Sneakers, nach den ersten beide langen Stücken von seinen Keyboards auf die Bühne gefedert kam. „Die Geräte liegen wie Tretminen herum.“ Kein schlechter Vergleich, und vor allem Gitarrist Lionel Loueke hatte da bereits einige Soli mit haarsträubender Virtuosität und irrstem, digitalen Blendwerk hingelegt.

Early Adopter

Hancock war ja nicht nur musikalisches Wunderkind, er hat in den Sechzigern auch Elekrotechnik studiert und war immer ein Early Adopter, mit dem elektrischen Miles Davis, im cool zurückhaltenden Elektrofunk der Headhunter oder im futuristischen HipHop − aber musikalisch legte er Wert auf einen gewissen Popsinn und, wenn man so will, das Narrativ seiner Kompositionen.

Diese wiederum gab es diesmal, anders als noch im insgesamt besonnen funky Auftritt 2017 im Admiralspalast nur als Stichworte, als gedonnerte Andeutung des eher gedämpften Riffs von „Butterfly“, als schnell erledigtes, komplexes Funk-Fundament von „Actual Proof“ oder als den im Original so lässig rollenden Vamp von „Cantaloupe Island“, den er beinahe brutalistisch in die Tasten betonierte.

Als seien die Melodien und Harmonien eher lästig, uferten die Musiker sofort in Seitenthemen aus und stürzten sich in die bretternde Flut von Hancocks oder Louekes quiekenden, gniedelnden oder vokoder-greinenden Synthiesounds.

Schlacht gegen Besonnenheit

Sein langjähriger Bassist James Genus hielt tapfer mit dickem Funk dagegen, aber gegen das Horror-vacui-Gewimmel blieb er fast ebenso chancenlos wie gegen den jungen, technisch unglaublich guten Justin Tyson, der über die Drums herfiel, als wolle er den Ginger-Baker-Gedächtiswettbewerb gewinnen. Über weite Strecken hatte man den Eindruck, eine Schlacht gegen hoffnungslos unterlegene Besonnenheit zu beobachten.

Was ja durchaus unterhalten könnte. Aber die moderne Technologie und der enorme Druck dienten nur letztlich biederer Jazzfunkkonvention aus endlosen, abwechselnden Soli, Rhythmuswechseln und Breaks als Showeffekten sowie Kunststückchen bis zu den rasenden Git- und Keytarrentrillern und Arpeggien, die seit ewig den Luftgitarristen im Publikum gehören. Schade.