Der Dirigent Zubin Mehta
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinArnold Schönbergs 1. Kammersymphonie ist ein Werk äußerster Anstrengung. In seiner Gestik schwingt noch eine Erinnerung an den Heroismus eines Richard Strauss mit, aber das kantige, in sechs Quarten aufsteigende Hauptthema nimmt gleichzeitig schon die Neue Sachlichkeit vorweg.

Das Strauss’sche Riesenorchester erscheint hier in einer absichtsvoll fragmentierten Weise, die immer wieder auf das verweist, was fehlt. Es gibt nur 15 Solo-Instrumente in einer denkbar unausgewogenen Zusammensetzung, in der zwar drei Klarinetten, Fagott und Kontrafagott vorkommen, aber nur fünf Solostreicher, die sich in einem kontrapunktisch dichten Tonsatz behaupten müssen. Aufführungen dieses Stücks behalten zwangsläufig etwas Unvollkommenes, sich dem reinen Genuss Verweigerndes.

Schlüssige Unausgewogenheit

Zubin Mehta, an den man sich sonst nicht unbedingt als Anwalt der Moderne erinnert, hat gerade dieses widerborstige Stück sehr oft in seine Konzertprogramme eingebaut. Nach der gerade absolvierten „Rosenkavalier“-Premiere an der Staatsoper gönnte sich der 83-Jährige jetzt noch die Freude einer Schönberg-Aufführung im Boulez-Saal.

Mehta dirigiert die Aufführung auswendig und mit einer präzisen Entspanntheit, die rein gestisch auch zu einer Mozart-Serenade gepasst hätte, nichts vom Überdruck des Schönbergschen op. 9 verriet. Formal erklang das Stück, das in einem Satz Momente der Mehrsätzigkeit mit der Form eines Sonatenhauptsatzes überlagert, überraschend schlüssig, und es gelang Mehta sehr gut, die Musiker des Boulez-Ensembles gleichzeitig zu expressivem Einsatz zu ermuntern, wie auch die einzelnen Gesten im Zeitfluss aneinander zu binden.

Magisch leuchtende Stimmung

An der klanglichen Unausgewogenheit kann auch er nichts ändern, und sie wird bei einer Aufführung im Boulez-Saal, wo die Musiker sehr nah sind und die Zuhörer rund um sie herum sitzen, noch verschärft. Die Hörerfahrung war wohl für die meisten die einer extrem subjektiven Perspektive, in meinem Fall die der Hörner, von der aus die Streicher ganz weit weg schienen.

Da auf Grund von Anreiseschwierigkeiten die geplanten „Kontraste“ von Béla Bartók ausfallen mussten, sprang Michael Barenboim, der auch im Boulez-Ensemble die erste Geige spielt, mit Bartóks Solosonate ein, einem Stück, das ebenfalls weit über die Möglichkeiten des Instruments herausdrängt, aber im langsamen Satz auch mit ganz reduzierten Mitteln arbeitet.

Das war die Brücke zu dem ersten Stück des Abends, Robert Crumbs 1970 entstandenem Gesangs-Zyklus „Ancient Voice of Children“. Die Lorca-Vertonungen des einzelgängerischen Amerikaners, der sich nie einer der gängigen Neue-Musik-Schulen verschrieb, gehören zu den Ikonen der Musik des 20. Jahrhunderts. Sie vereinen ein teilweise ausgefallenes Instrumentarium zwischen Kinderzimmer (Spielzeugklavier), Tempel, Zirkus (Singende Säge) und Volksmusik in einer atmosphärisch dichten, magisch leuchtenden Stimmung. Die Sopranistin Mojca Erdmann und der Knabensopran Arne Niermann als ihr Klangschatten trafen den Ausdruck traumartig fremder Vertrautheit sehr genau.