Am Montag feiert Zubin Mehta seinen 83. Geburtstag. Man kann nicht sagen, dass man ihm sein Alter nicht ansieht – aber dennoch: Was für ein Mann! Wie viel Stil zeigt am Donnerstag  allein der langsame Auftritt mit dem schwarzen Gehstock und die dezente Nichtbeachtung des Publikums. Kaum hat er den Gehstock mit dem Taktstock vertauscht, noch nicht sich auf dem bereitgestellten Stuhl auf dem philharmonischen Podium niedergelassen, hat er den Auftakt zu Verdis „Otello“ schon gegeben – und damit einen Sturm ausgelöst.

Die Partitur bleibt im ersten Akt geschlossen. Das ist auch kein übermenschliches Wunder, schließlich haben er und die Berliner Philharmoniker eine Serie von vier Aufführungen in Baden-Baden hinter sich, inszeniert von Robert Wilson. Aber es fügt sich ins Bild einer imperialen Souveränität, die ihresgleichen sucht.

Der Dirigent ist eine Klasse für sich 

Man mochte nicht mit jeder sinfonischen Interpretation Mehtas warm werden, als Dirigent italienischer Opern ist er eine Klasse für sich. Mehta verbindet die Freude an glänzender Repräsentation mit einer hohen analytischen Intelligenz, die über reine Stilkunde weit hinausgeht. Der Schüler des Wiener Dirigenten-Machers und Schönberg-Schülers Hans Swarowskys weiß mithin nicht nur, wie es klingen soll, sondern auch, wie sich ein Opernakt über das Abklappern von Rezitativ und Arie hinaus zu einem Ganzen verbindet.

Dieser „Otello“ wirkt wie eine eingefahrene Ernte: Obwohl Mehta so eine imposante Persönlichkeit ist und noch im Sitzen seine charakteristisch imperialen Schlagfiguren zeigt, hat diese Aufführung etwas Überpersönliches, zur Objektivität durchgedrungenes, als wäre im Handwerk selbst schon alles erkannt, was ansonsten durch sogenannte „Interpretation“ gesucht werden muss und doch nur subjektives Unverständnis maskiert. 

Dieses Drama der Eifersucht

Gerade „Otello“, dieses Drama der Eifersucht, wird auf derart geklärter Grundlage umso erschütternder, weil es transparent wird auf die tragenden, lapidaren Entwicklungslinien, die der alte Verdi nach 16 Jahren Schweigen als Komponist in einem neuen, zugleich durchgeistigten wie packenden Stil gezogen hat. Das merkt man empfindlich an der Differenz zwischen Mehtas Dirigieren und dem Gesang Arsen Soghomonyans in der Titelpartie.

Beschreibt Verdi den Abstieg eines zwar nicht unumstrittenen, aber zu Beginn gleichwohl glänzenden Feldherrn, so wirkt Soghomonyan schon bei seinem Auftritt aus dem Sturm heraus angestrengt und verzweifelt. Die dunkel baritonal fundierte Tenorstimme erscheint klanglich von Anfang an getrübt. Soghomonyan hat kein eigentliches stimmliches Problem, später zeigt er durchaus auch Glanz in den Höhen. Aber er muss heftig vokal gestikulieren, um seine Verzweiflung deutlich zu machen, und dabei lässt er sich vom Moment stärker in verschiedene Richtungen verführen, als es der Geradlinigkeit des genialen Librettos von Arrigo Boito entspricht.

 

In der Rolle seines Gegenspielers Jago ist Luca Salsi zu hören. Wohl weil er in seinem Vortrag auf Schurken-Klischees verzichtet, bleibt der Beifall für ihn am Ende gedämpft, aber im Grunde entspricht sein farbenreicher, stets schlüssig phrasierter und kraftvoller Gesang den Grundlinien von Mehtas Interpretation. Sonya Yoncheva, die einzige aus Baden-Baden beibehaltene Besetzung einer Hauptpartie, wirkt als Desdemona indes noch deutlich eindrucksvoller. Dass sie schwanger ist, macht die Angelegenheit noch dramatischer. 

Mehta beherrscht den Sturm, den große Zug, die großen Chorszenen dirigiert er mit kleinen Bewegungen – und man freut sich am Rundfunkchor, der diese gewaltigen Szenen in flexiblerer Dynamik zum Klingen bringt als man das je im Opernhaus hört.

Der vierte Akt zeigt vor allem die intimen Qualitäten der Aufführung wie im Brennglas. Nichts wird hier zelebriert und sentimentalisiert, Desdemonas Ave Maria bleibt ein Lied und auch das Lied von der Weide mit den von Yoncheva innig, aber bemerkenswert unaufgeladenen „Salce, salce!“-Rufen bezieht seine Kraft aus der gespannten Phrase: Sie und Mehta ziehen die Musik nicht einfach durch, sondern wirken gezielt auf ihre Nervenpunkte: So entsteht mit wenig Aufwand enorme Wirkung.

Und dann noch das Bläser-Wunder

Dass die philharmonischen Bläser unvergleichlich sauber intonieren bei intensiv ausdifferenzierter Klangfarbe ist ein Wunder für sich. Unvergleichlich spannend die Stille danach und Otellos schleichender Auftritt – aber auch hier: Nichts wirkt gemacht, alles aus überlegener Kontrastierung heraus zum Sprechen gebracht. Bei allen Schwächen der Sängerbesetzung – besser ist diese Musik nicht aufzuführen.