Wissen Sie, wie Ihr Wohnhaus von außen aussieht? Könnten Sie mehr nennen als die Farbe? Wenn nicht, sind Sie nicht alleine, sagt Turit Fröbe: „Architektur führt ein ganz merkwürdiges Schattendasein in unserem Bewusstsein.“ Kaum jemand kenne sich aus, kaum jemand traue sich, zu Baustilen eine Meinung abzugeben.

Die Architekturhistorikerin Fröbe findet das schade und will den Verzagten mit einer Art Seh-Schule weiterhelfen. „Alles nur Fassade?“, jüngst bei DuMont erschienen, ist ein „Bestimmungsbuch für moderne Alltagsarchitektur“, das den Blick schult für die Straßen, durch die man jeden Tag geht, und für die Häuser, die man jeden Tag sieht.

Berlins Baugeschichte hat viel zu erzählen

Dass die meisten Fotos im Buch aus Berlin sind, ist in zweierlei Hinsicht kein Zufall: Fröbe stammt zwar aus dem hohen Norden, lebt aber in Berlin. Und außerdem hat die Stadt mit ihrer Baugeschichte auch wahnsinnig viel zu bieten für den Laien-Architektur-Bestimmer: Experimentelles in Mitte. Sozialistischer Zuckerbäckerstil an der Stalinallee. Nationalsozialistische Blockbebauung am Grazer Damm. 60er-Jahre-Fertigteilästhetik in der Gropiusstadt.

Fröbe, Jahrgang 1972, führt bei der Buchpräsentation über den Kudamm. Dort finde sich, wie sie sagt, keine Alltagsarchitektur, der Kudamm sei „hochgradig repräsentativ“. Aber schon in den Seitenstraßen könne man mit dem Üben anfangen. Turit Fröbe ist eine angenehme Lehrerin, weil sie geradezu sprüht vor Begeisterung über Städte und ihre Architektur, die Sache aber auch mit viel Humor angeht. Das zeigte sich auch in ihrem ersten Buch, das zum Bestseller wurde: „Die Kunst der Bausünde“.

Biologen bestimmen Pflanzen, Turit Fröbe bestimmt Häuser

Ihr neues Buch ist ein Mikro-Reiseführer durch die Architektur, und daher ist es seine Aufgabe, das Haus zu verlassen. Turit Fröbe hofft, dass Leser mit ihrem Buch in der Hand durch deutsche Städte spazieren. „Alles nur Fassade?“ folgt dabei einem klaren Konzept: Wichtig sind darin die Fenster. „Biologen bestimmen Pflanzen, ich bestimme Häuser“, sagt Turit Fröbe, „und die Fenster sind meine Blüten.“ Fenster seien meistens das entscheidende Bestimmungsmerkmal.

Und deshalb fragt auch das Buch zuerst: Wie sehen die Fenster am Haus, das Sie bestimmen wollen, aus? Auf zwölf Seiten vorn im Buch hat Turit Fröbe Fotos mit Beispielen verschiedener Fensterformen zusammengestellt. Unter ihnen sind Vorschläge für die Bauphase, zu der sie gehören könnten, verzeichnet, wobei der wahrscheinlichste jeweils fettgedruckt ist. Hat man sich für eine Möglichkeit entschieden, schlägt man im ausgeklappten Einband nach.

Gang durch Zehlendorf empfohlen

Dort sind, farblich hinterlegt, die wichtigsten Architekturstile aufgeführt, die sich in deutschen Städten bestimmen lassen, mit der Seitenzahl des jeweiligen Kapitels. Dorthin blättert man, sieht sich die Beispielfotos an, vergleicht weitere typische Merkmale und kann dann entscheiden. Vielleicht.

Größter Stolperstein: die „Neo-Falle“. Architekturstile haben eine Halbwertszeit von 15 bis 25 Jahren, bevor sie in Ungnade fallen. Nach einer Karenzzeit werden sie dann oft wieder gnädiger betrachtet oder erleben Revivals. Dieser Zyklus erschwert das Bestimmen: Was zunächst nach Neuem Bauen aus den 20ern aussieht, kann gut und gerne vor drei Jahren erbaut worden sein. Es gilt also, auf Details zu achten und Spaß am Raten zu haben. Die großen Anlaufpunkte einer Großstadt eignen sich allerdings nicht so zum Üben. Siehe Kudamm – zu schick. Ergiebiger ist da der Spaziergang durch den eigenen Kiez, der Blick aufs eigene Wohnhaus.

Turit Fröbe empfiehlt auch einen Gang durch Zehlendorf. Dort kann man den „Dächerstreit“ bewundern, manifestiert in zwei Siedlungen: „Onkel Toms Hütte“ mit Flachdächern im Stil des Neuen Bauens und die „Versuchssiedlung Am Fischtal“ gegenüber, ihres Zeichens Konservative Moderne, mit Satteldächern. Absichtlich so angelegt, dass die zweite der ersten den Zugang zum eigenen Grünstreifen versperrt. „So gemein“, sagt Fröbe und lacht.