Moritz Wilken und Hendrik Bolz sind Zugezogen Maskulin.
Foto: Christian Schulz

BerlinDer Song „Plattenbau O.S.T.“ gehört zu den erfolgreichsten Liedern von Zugezogen Maskulin. Auf einem elektronischen Beat sinniert darin Rapper Hendrik Bolz über das Erwachsenwerden in Ostdeutschland - in einer kleinen Stadt, in der es nichts zu tun gibt außer „saufen um die Wette“ und tanzen zu „Aggro Ansagen im Blaulicht der Krankenwagen“. Im Refrain singt dann die Berliner Künstlerin Ada Sternberg ganz passend: „Das Viertel, das ist klein, doch der Horizont ist weit“ – und fasst damit einerseits den Zustand all jener Kleinstadtkids zusammen, die sich schon immer danach sehnten, irgendwann rauszukommen, irgendwann anders zu sein – andererseits die selbst eingeredete Allwissenheit jener, die nie aus dem Viertel verschwunden sind.

Dieses Musikstück aus dem Jahr 2015 beschreibt ganz gut, wer Zugezogen Maskulin sind und wofür sie stehen: Für eine Generation, die um die Wende geboren ist – zu jung, um sie mitbekommen zu haben, zu alt, um das, was geschah, zu ignorieren; seither gefangen in einer Gegenwart, die voller Umbrüche, Widersprüche und Wandlungen steckt. Bolz wurde selbst 1988 in Leipzig geboren und wuchs in Stralsund auf. Sein Rap-Partner Moritz Wilken, mit dem er das HipHop-Duo 2010 gründete, kam im selben Jahr in Krefeld zur Welt.

Aus beiden Städten flohen sie irgendwann in die Großstadt Berlin, für ein Praktikum bei dem Musikblog rap.de, wo sie sich letztlich kennenlernten. Statt über Musik zu schreiben, beschlossen sie dann, Musik zu machen. Während Bolz oft auf seine Vergangenheit in Stralsund eingeht und unter anderem mit einem Artikel in der Wochenzeitung der Freitag die Diskussion um den Hashtag #Baseballschlägerjahre auslöste – unter dem Menschen auf sozialen Netzwerken noch immer von ihren Begegnungen mit Nazis im Osten erzählen –, beschäftigt sich Wilken mit den heutigen gesellschaftlichen und aktuellen politischen Umbrüchen. Entstanden sind neben Songs wie „Plattenbau O.S.T.“ und „Alle gegen Alle“ (das sich über eine gewalt- und kriegsbereite Gesellschaft lustig macht) mehrere EPs und zwei chartplatzierte Alben.

Zugezogen Maskulin sinnieren über ein mögliches Karriere-Ende

Mit „10 Jahre Abfuck“ erscheint nun ein neues Album, das zugleich ihr Jubiläumswerk ist. Auf 13 Titeln behandeln sie, was sie in den letzten zehn Jahren „abfuckte“ und hierzulande Thema war: von der Schweinegrippe und dem vermeintlich unverzichtbaren Fleischkonsum über die wachsende Anzahl von AfD- Mitgliedern im Osten bis hin zu den Verschwörungstheoretikern in der Corona-Krise. Dabei: immer eine Brise Humor und ein Einblick in eine junge Lebenswelt, in der man sich doch auch letztlich mit so etwas wie Hipstern, Sex und Alkohol in der Großstadt beschäftigen muss.

Moritz Wilken und Hendrik Bolz posieren in einem Berliner Hinterhof.
Foto: Christian Schulz

Überraschend ist jedoch, dass die rebellische Wut, mit der sie oft in Verbindung gebracht werden und die einem der Albumtitel entgegenschreit, diesmal nicht so sehr aufkommt wie auf den letzten Alben. Zwischen den Zeilen wirkt das Duo fast schon resigniert, wenn es etwa im Synthesizer-Stück „Sommer vorbei“ darüber sinniert, dass man die Musiker am besten im Meer ertränke, weil der Sommer ziemlich scheiße sei, die Klimakrise spürbar, die Oma tot, aber die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck noch lebe.

Als wir sie zum Interview in Kreuzberg treffen und darauf ansprechen, sagt Wilken, dass das Duo bei diesem Album gelassener gewesen sei. Die Musiker nähmen sich selbst nicht mehr so ernst. Bereits die erste Single-Auskopplung „Exit “ deutete diese neue Lockerheit an. In dem basslastigen, dröhnenden Lied rappen sie über einen Karriereabschied. War’s das also? Bolz führt fort, dass sie so weit gekommen seien und nun tatsächlich überlegen, wie es weitergeht – „ob wir so bis zur Rente weitermachen wollen oder uns nun verändern“. Ob sie das Genre oder den Beruf meinen, verraten sie allerdings nicht.

„10 Jahre Abfuck“ gibt es auch als Podcast

Aktuell arbeiten sie noch an ihrem Podcast „10 Jahre Abfuck“. Er dient als Beiboot zum Album und greift die letzten Jahre wie ein unterhaltsames Nachrichtenmagazin auf, in dem Zugezogen Maskulin immer noch ein paar alte Musik-Anekdoten verstecken. Aktueller HipHop begeistere sie nicht mehr so. „Alle meine Freunde, die früher Rap hörten, hören längst andere Musikgenres“, sagt Bolz.

Ob dem Duo der Sprung in eine andere Musikrichtung gelingen würde, bleibt allerdings fraglich. Zwar hatten sie immer schon eine leichte Rock-Attitüde wie etwa die Chemnitzer Band Kraftklub, aber man müsste diesen neuen Sound schon hören. Und vielleicht wird er dann auch ein ganz anderer sein.

Bis dahin bleibt die Platte „10 Jahre Abfuck“ also ein musikalischer Begleiter für die Generation, die um die Wende geboren wurde und ebenfalls einiges hin und wieder „abfucked“. Für die zwar das Album nicht ganz so erfrischend wie etwa „Alles brennt“ aus dem Jahr 2015 sein wird, dafür aber sicher entspannter als die Vorgängerplatte „Alle gegen Alle“. Denn letztlich ist nicht nur das Duo aus dem Plattenbau erwachsener und damit gelassener geworden, sondern ebenfalls seine Hörer.

Zugezogen Maskulin – „10 Jahre Abfuck“ (Four Music/Sony Music)