Kuh auf der Weide in Bayern.
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BerlinEs war schön in Bayern. Wir waren am Wochenende dort. Der Himmel blau, der See am Funkeln, die Kühe weideten auf der Alm, die Berge gaben ihr Bestes. Bis zum Wolfgangsee in Österreich betrug die Entfernung mehr als 1 Meter 50. In jedem, aber wirklich jedem Restaurant musste man seinen Namen, seine Adresse und seine Telefonnummer hinterlassen, während in Berlin nur hin und wieder danach gefragt wird. Masken wurden auch getragen.

Es wäre gelogen zu sagen, dass wir uns auf der Flucht vor der Anti-Was-Auch-Immer-Demonstration in Berlin befunden hätten mit ihren fantastillionen Teilnehmern am Samstag. Nein, nein. Wir waren eingeladen zu einem kleinen Familienfest, pro Tisch maximal zwei Haushalte, im Freien. Im Hintergrund wurde Musik aufgelegt, in der Ferne blökten die Kühe, in der Nähe rauschte der Bach, das Essen war auf Fleisch ausgerichtet. Es gab Schweinebraten oder halbe Ente, dazu Kraut und Knödel, Klassiker des Freistaats. Tags zuvor hatte ich schon eine halbe Haxe bestellt, um die Sache rund zu machen, aber auch aus stillem Protest gegen Attila Hildmann, über den es ja heißt: Hitler war nur Vegetarier.

Manchmal kam Kunde aus Berlin. Zahl der Teilnehmer der Superdemonstration, soziale Zusammensetzung, mögliche Milieus und Submilieus, aus denen sie stammen. Viele Demonstranten, hieß es, kämen aus Stuttgart. Dort sei der Wutbürger erfunden worden und habe seine ersten Triumphe gefeiert; die reichste Region der Republik mit Einwohnern, die so viel Zeit und Langeweile hätten, dass sie gegen alles mögliche sein könnten: Impfen, Bahnhöfe, Gesichtsmasken, Flüchtlingsheime, wahrscheinlich sogar Schweinshaxen. Einmal, als Pegida noch neu war, bin ich in Dresden gewesen. Es war schon dunkel, Scheinwerfer erhellten die Nacht, Fahnen flatterten im Wind, ein Hauch von Albert Speer lag in der Luft. Da sind sie auch gegen alles gewesen, von Merkel bis Müsli, kamen aber vor allem aus Sachsen.

Mitten in der Feier in Bayern gab es Gesang. Eine Reihe moderner Hits zur Zither, zum Schluss das Berlin-Lied von Christiane Rösinger: „Wenn die Sonne fehlt, wenn der Regen läuft / Wenn die Unterschicht ihr Geld versäuft / Wenn die Hunde wachen, ihre Haufen machen / Ja, dann sind wir wieder in Berlin“. Der Text besingt auch sonst keine Schönheiten, ist aber natürlich eine Liebeserklärung an die Stadt. In Bayern klang es aber eher wie eine Schmähung. Wir nahmen es gelassen. Für die Millionen Euros, die die Bayern Jahr für Jahr nach Berlin schicken, sollen sie auch ihren Spaß haben. Wenigstens tauchte das Wort „Flughafen“ nicht auf.

Auf dem Rückweg fuhren wir durch eine Regenwand. Das Wasser ging auf das Auto nieder, die Scheibenwischer kämpften gegen die Elemente, im Radio liefen die Nachrichten. Siebzehntausend Teilnehmer seien es bei der Demonstration in Berlin laut Polizei gewesen, 1,3 Millionen laut Veranstalter. Auch bei früheren Demonstrationen lagen Initiatoren und Polizisten nicht immer gleichauf, aber da ging es in der Regel um ein paar Tausend, vielleicht auch einmal um ein paar Zehntausend Teilnehmer. Eine Differenz von gut 1.880.000 Menschen ist neu. Selbst München hat nicht so viele Einwohner.

Zu Hause angekommen parkte ich den Wagen. Beim Aussteigen trat ich in einen Hundehaufen. Bayern, dachte ich, war vielleicht schön. Aber zu Hause ist es interessanter. Hier verschwinden sogar Menschen, die es nie gegeben hat. Nur Berge haben wir nicht.