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Seit vier Wochen steht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in massiver Kritik für ihren Plan, die Gemäldegalerie und die Skulpturensammlung auf mittlere Frist im zu kleinen Bode-Museum zusammenzufassen und in die Neue Gemäldegalerie am Kulturforum die moderne Kunst einziehen zu lassen. 10 Millionen Euro hat der Bund dafür zur Verfügung gestellt. Trotz tausender Protestunterschriften, darunter fast alle wichtigen Kunsthistoriker der Welt, bleibt Stiftungspräsident Hermann Parzinger ruhig. Er, bekannt als Judoka, scheint im Streit zu wachsen. Dazu ein Gespräch mit Hermann Parzinger in dessen Amtssitz, der Villa von der Heydt.

Herr Parzinger, haben sich Ihre Vorgänger geirrt, als sie in den 1990er-Jahren gegen alle internationale Kritik den Bau der Neuen Gemäldegalerie am Kulturforum durchsetzten?

Sagen wir es einmal so: Es gab damals schon die Diskussion, wo der richtige Ort für die Gemäldegalerie ist. Auch der Kaiser-Friedrich-Museumsverein und viele andere haben sich dafür eingesetzt, sie an die Museumsinsel zu bringen. Allen war aber klar, dass die Gemälde aus dem Provisorium in Dahlem ausziehen sollten. Und dann ist man eben dem Plan gefolgt, der vor der deutschen Wiedervereinigung beschlossen worden war.

War das sinnvoll?

Das für uns heute Gute dabei ist, dass dieses Gebäude am Kulturforum ohne massive Veränderungen auch sehr gut als Galerie des 20. Jahrhunderts zu nutzen ist. Aber an der Museumsinsel brauchen wir jetzt zusätzlich zum Bode-Museum einen Neubau für die Gemäldegalerie, um dort wie vor dem Zweiten Weltkrieg die gesamte Kunstentwicklung Europas von der Antike bis ins 19. Jahrhundert zeigen zu können.

Wozu benötigen Sie die 10 Millionen?

Die Wandgestaltung muss verändert werden, die in den Wandsockeln untergebrachte Klimatechnik muss in einem Teil der Räume verändert werden, die Beleuchtung sicher teilweise auch. Alles Weitere wird eine Machbarkeitsstudie zeigen.

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Sie selbst betonen sehr die Bedeutung der Stiftungseinrichtungen für die Wissenschaft. Jetzt lehnen aber gerade die Wissenschaftler ihre Konzepte ab. Haben die Experten alle Unrecht?

Die Wissenschaftler richten sich ja nicht gegen unseren Plan, sie fürchten nur, dass alles zu lange dauern könnte. Und ein Standardbrief, der einfach so per Klick unterzeichnet und weitergesendet werden kann ...

Das ist schon einige Arbeit, da man seinen Namen und Titel eintragen muss ...

Ach Gott, welch eine Arbeit! Ich selbst beantworte nur diejenigen Schreiben, die an mich persönlich gerichtet sind, keine Postwurfsachen. Und wenn ich sehe, wie sehr dabei vereinfacht wird, ist das schon betrüblich. Es wird behauptet, nur um die Sammlung Pietzsch unterbringen zu können, kommen jetzt die Caravaggios, Vermeers und so weiter für viele Jahre ins Depot. Das haben wir so nie gesagt. Dieses Ausspielen der Moderne gegen die Alten Meister ist nicht richtig. Auch wir wollen nicht, dass diese Sammlung für viele Jahre nicht zu sehen ist.

Waren Sie sehr überrascht von der harschen Opposition?

Es ist jetzt nur wenige Wochen her, dass wir von den 10 Millionen erfahren haben. Natürlich haben wir auf das Ziel des Umzugs der Alten Meister an die Museumsinsel und den Umbau der Gemäldegalerie für die Kunst des 20. Jahrhunderts hingearbeitet. Aber ich dachte, dass wir 2013 oder 2014 die erste Tranche bekommen und dann die weiteren Schritte planen können. Es ist ein großes Glück, dass nun alles viel schneller kommen kann. Dass dann allerdings die erste Pressemitteilung nur von der Unterbringung der Sammlung Pietzsch sprach, aber keine Aussagen zur Zukunft der Alten Meister machten, hat den Protest bewirkt. Aber man soll doch bitte nicht so tun, als würden wir nach der Sommerpause schon die ersten Bilder abhängen. Wir arbeiten jetzt erst einmal auf einen genauen Zeitplan hin.

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Jeffrey Hamburger von der Harvard-Universität hat inzwischen mehr als 8000 Unterschriften für eine Petition gesammelt, in der er nicht gegen die Zusammenführung von Gemälde- und Skulpturensammlung auf der Museumsinsel ist. Er kritisiert, dass bis dahin die Sammlungen nur noch in einer Auswahl zu sehen sein werden. Dass der Zeitplan fehlt.

Dass er nicht grundsätzlich gegen unseren Plan ist, finden wir ja schon mal sehr gut. Zum Zeitplan hätte er ja auch vorher mal Kontakt mit uns aufnehmen und fragen können. Mit mindestens fünf, sechs Jahren wird man schon rechnen müssen. Das halten wir für akzeptabel, weil sich ja eine große Vision verwirklichen lässt. Wenn es allerdings mehr als zehn Jahre dauern wird, dann halte ich das nicht für durchführbar.

Wie ist denn aktuell der Zeitplan?

Vor 2014 werden die Umrüstungsarbeiten in der Gemäldegalerie am Kulturforum nicht beginnen, 2016 könnte dort die Galerie der Moderne eröffnet werden. Während dieser Zeit sollte der Wettbewerb für den Neubau am Bode-Museum stattfinden, möglichst gefolgt von ersten Planungsschritten. Alles Weitere ist jetzt noch reine Spekulation: vielleicht 2018 Baubeginn, dann vier, fünf Jahre Bauzeit bis 2022, 2023, lassen Sie uns erst mal weiter daran arbeiten.

Das sind wenigstens zwischen sieben und neun Jahren, die die Gemälde- und die Skulpturensammlung nicht in angemessener Breite zu sehen sein werden.

Aber es wäre eine Riesenchance für eine grundlegende Neuordnung unser Museen, die wahrscheinlich nie wieder kommen wird.

Die Berliner Gemäldegalerie ist eine Art Lexikon der Malereigeschichte. Welche Bände aus diesem Lexikon wollen Sie zeitweilig wegstellen?

Was genau gezeigt wird, entscheiden die Verantwortlichen der jeweiligen Sammlungen. Aber es werden immer alle wichtigen Werke und ein repräsentativer Querschnitt zu sehen sein. Wir arbeiten darauf hin, dass in der Übergangszeit möglichst viel ausgestellt wird. Außerdem bemühen wir uns um zusätzliche Flächen in der Nähe der Museumsinsel, auch um zu zeigen, dass es zum Bode-Museum noch den Erweiterungsbau braucht. Und bevor all das in den nächsten Monaten in Gesprächen mit unseren Gremien und der Politik nicht geklärt ist, können wir diesen Weg auch nicht gehen.

Wollen Sie so die Empörung beruhigen?

Die Empörung wird auch geschürt durch den verkürzt dargestellten Sachverhalt. Es geht nicht um einen Konflikt Alte Kunst versus Moderne, sondern um einen Plan, der für beide Sammlungen herausragend neue Möglichkeiten eröffnet. Und natürlich werden wir die Öffentlichkeit zu überzeugen versuchen und in Interviews und Artikeln unsere Pläne darstellen.

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Mit welchen Kosten für den Bau des neuen Galeriebaus rechnen Sie?

Vor Jahren ist man von 120 Millionen Euro ausgegangen, wir schätzen, dass heute mit etwa 150 Millionen zu rechnen ist. Es dreht sich ja nicht um die kostenintensive Sanierung eines Altbaus, sondern um einen verlässlicher kalkulierbaren Neubau. Aber ich sage auch ganz klar, wenn das Bestmögliche nicht zu erreichen ist, dann müssen wir eine andere Lösung suchen.

Verfallen dann die 10 Millionen?

Die 10 Millionen sind für die Umrüstung der Gemäldegalerie vorgesehen, unabhängig vom Zeitpunkt ihrer Verwendung. Der Galerieneubau gegenüber vom Bode-Museum hingegen müsste in den Masterplan Museumsinsel aufgenommen werden. Insofern ist die aktuelle öffentliche Debatte auch gut, weil sie zeigt, wie wichtig das Projekt ist.

Wenn er fertig sein wird, dann wird viel mehr zu sehen sein?

Im Bode-Museum haben wir derzeit etwa 6700 Quadratmeter, im Neubau wollen wir 6000 Quadratmeter, dazu 600 Quadratmeter Wechselausstellungsfläche - das ist mehr Raum für Ausstellungen als jetzt in der Gemäldegalerie.

Was sagen eigentlich die Sammler Pietzsch zu der Debatte?

Sie wollen ja ausdrücklich kein Pietzsch-Museum, sondern sie wollen, dass ihre Sammlung in eine Galerie des 20. Jahrhunderts integriert wird. Das ist das so ungeheuer Großzügige an ihrem Geschenk. Dass derzeit so getan wird, als müssten wegen ihrer Sammlung die Alten Meister über viele Jahre ins Depot, das macht auch das Ehepaar Pietzsch nicht glücklich.

Die eine Möglichkeit ist ein Galerie-Neubau bei der Museumsinsel, die andere, wie bis 1955 den für die Gemälde und Skulpturen wieder den von Wilhelm von Bode konzipierten Erweiterungsbau des Bode-Museums zu benutzen, den Nordflügel des heutigen Pergamonmuseums. Da gibt es die Oberlichtsäle und Kabinette, die Sie haben wollen. Doch die sollen für die islamische Kunst umgebaut werden.

Das ist ein legitimes Gedankenspiel, aber wir schieben damit die Probleme nur in andere Häuser weiter. Damit wäre nämlich der von uns geplante Rundgang durch die Architekturgeschichte der Antike von Altägypten bis in den Frühislam auf der Hauptebene des Pergamonmuseums zerschlagen. Außerdem ist für uns der Islam eine wichtige Verbindungsklammer zwischen Museumsinsel und Humboldt-Forum. Aber das ist ein anderes Thema ...

Nicht ganz. Sie wollen Gemälde und Skulpturen zusammenführen, die Moderne im Zusammenhang zeigen, im Humboldt-Forum die Kulturen Asiens vereinigen - warum soll man das nicht auch für die islamischen Kulturen machen und damit den Galerie-Neubau einsparen?

Abgesehen davon, dass alle bisherigen Planungen für das Humboldt-Forum dann Makulatur wären, ist das auch eine Platzfrage. Wir sind dort zwar Hauptnutzer, aber es gibt auch noch die Berliner Zentral- und Landesbibliothek und die Humboldt-Universität. Wir können die Planungen nicht immer wieder auf null stellen. Und die Kritik richtet sich ja auch nicht gegen unsere Pläne als solche, sondern gegen eine möglicherweise zu lange Zeitschiene. Doch Berlin bekäme ein großes Geschenk, endlich ein Haus für die Kunst des 20. Jahrhunderts und die Vollendung der Museumsinsel mit den Alten Meistern. Aber alles hängt an der richtigen Zeitfolge. Ich werde jedenfalls die Alten Meister nicht umziehen lassen, bevor nicht die folgenden Schritte verlässlich geplant sind.

Das Gespräch führten Nikolaus Bernau und Christian Thomas.