Berlin - 1969 kreuzten sich die Wege von Rainer Werner Fassbinder und Harry Baer in der Antitheater-Szene. Bald übernahm Baer nicht nur hinter der Kamera des Regisseurs die unterschiedlichsten Aufgaben, sondern stand regelmäßig auch davor. Seine erste Rolle spielte er in „Katzelmacher“. Anschließend war er unter anderem in „Götter der Pest“, „Whity“, „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“, „Berlin Alexanderplatz“, „Lola“ und Fassbinders vorletztem Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ zu sehen.

Nach Fassbinders Tod zog Baer nach Berlin, schrieb seine Erinnerungen unter dem Titel „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Das atemlose Leben des Rainer Werner Fassbinder“ auf und setzte seine Schauspielkarriere fort. Nach Rollen in Filmen wie „Die Venusfalle“ oder „Führer Ex“ sowie zahllosen TV-Auftritten im „Polizeiruf 110“ oder „Spreewaldkrimi“ sah man den 67-jährigen zuletzt in „Feuchtgebiete“.

Herr Baer, es ist jetzt 33 Jahre her, dass Fassbinder gestorben ist. Und noch immer müssen Sie immer wieder über ihn sprechen, sei es in Dokumentarfilmen oder Interviews wie diesem. Nervt das nicht?

Manchmal schon. Weil man immer wieder die gleichen Fragen hört. Und auch, weil man immer wieder zu erklären versucht, wie Fassbinder wirklich war. So einfach, wie er bis heute auch von manchen Wegbegleitern in irgendwelchen Heiligenbildchen dargestellt wird, war er nämlich nicht. Andererseits spreche ich aber auch gern über ihn. Schließlich waren die 13 Jahre an seiner Seite die wichtigsten in meinem Leben. Logischerweise ist auch davor und danach jede Menge passiert, aber das war ohne Frage die intensivste Erfahrung, die ich je im Bereich Film gemacht habe.

Sie haben Fassbinder als Mitarbeiter länger die Treue gehalten als eigentlich alle anderen. Warum eigentlich?

Hätte mich damals zur richtigen Zeit jemand an die Hand genommen und von ihm entfernt, dann wäre ich sicher auch weg gewesen. Ich hätte wohl einen Agenten gebraucht, denn nach „Ludwig“ und „Wildwechsel“ standen Tür und Tor offen für eine richtig große Karriere. Aber da war eben niemand. Und irgendwie bin ich auch eine treue Seele. Abgesehen davon war Rainer, ohne dass ich mir das bewusst gemacht hätte, natürlich auch eine Art Lebensversicherung für mich. Ich hatte ja nie damit gerechnet, dass das viele und erfolgreiche Arbeiten von heute auf morgen auf so tragische Weise aufhören würde.

Ihre Beziehung beschränkte sich doch aber nicht auf das Arbeiten – oder doch?

Nein, das war auch eine Freundschaft. Eine ziemlich enge Freundschaft. Wobei die nie so weit ging, wie sie auch hätte gehen können. Rainer hat es zwar mal versucht. Aber damals wusste ich selbst noch nicht, wo es lang geht mit mir. Das war 1969, als wir in Paris waren. Und ich bin oft genug von ihm dafür bestraft worden, dass ich mich auf den Sex mit ihm nicht eingelassen habe.

Fassbinder hat Sie bestraft?

All die Male, die ich nackt durch einen Film laufen musste, er mir die Haare färben ließ oder ich mir für „Whity“ die Augenbrauen abrasieren musste und wie ein Volldepp aussah. Das war schon seine Art der Revanche, würde ich sagen. Zumindest kam es mir im Rückblick so vor. Denn auch wenn uns damals vieles wurscht war, hat man ja doch ein bisschen Scham.

In dem Dokumentarfilm „Fassbinder“ von Annekatrin Hendel erzählen Sie noch von einer anderen Bestrafung: Damals in Paris schleppte er Sie nach seinem vergeblichen Annäherungsversuch mit in eine Schwulen-Sauna und lachte sich schlapp, als Sie zunächst völlig überfordert waren und schließlich doch zum ersten Mal in Ihrem Leben Sex mit einem Mann hatten...

Der gute, alte Mann, an den ich da geriet, konnte froh sein, dass ihm da eine junge Hand behilflich war. Aber damit, was davor abgelaufen ist, war ich wirklich überfordert. Ich dachte ja, wir gehen einfach in eine Sauna. Ich hatte keine Ahnung, dass es da so abgeht. Plötzlich waren überall Schwänze um mich herum; jede Öffnung war belegt. Aus der Situation musste ich fliehen, ich konnte damit nicht umgehen.

Wie erklären Sie sich denn dieses widersprüchliche Muster aus größter Zuneigung einerseits und fieser Demütigung andererseits, das Fassbinder bei so vielen ihm teuren Mitstreitern an den Tag legte?

Natürlich hatte das auf der einen Seite mit seinem Wunsch nach Macht zu tun. Aber auf der anderen Seite war das sicher auch alles Teil eines Spiels, aus dem er am Ende wieder Geschichten für seine Filme herausgezogen hat. Das war manchmal ziemlich unerträglich. Aber ich weiß nicht, ob ich so weit gehen würde, das Sadismus zu nennen.

Ein anderer Aspekt, über den bis heute debattiert und spekuliert wird, ist Fassbinders sexuelle Orientierung. Es ist kein Geheimnis, dass er durchaus feste Beziehungen mit Männern führte. Aber er war auch mit Ingrid Caven verheiratet. Und die Cutterin Juliane Lorenz, die heute die Fassbinder Foundation leitet, war seine letzte Lebensgefährtin.

Trotzdem war Rainer eindeutig schwul. Dass er die Ingrid geheiratet hat, heißt gar nichts – schließlich war er in der Hochzeitsnacht mit einem Kerl im Bett. Das war wohl für ihn damals einfach eine günstige Gelegenheit, sich mit jemandem auch intellektuell auseinanderzusetzen. Das konnte er mit ihr wohl am besten, denn die gab ihm immer ordentlich Zunder und sah ihn nicht als den lieben Gott an wie manche andere! Natürlich reizte ihn das. Aber ob er wirklich etwas mit ihr hatte? Keine Ahnung. Das interessiert mich auch nicht.

Dass männliche Nacktheit und Homosexualität für Fassbinder eine Selbstverständlichkeit waren, nicht zuletzt in Filmen wie „Faustrecht der Freiheit“ oder „Querelle“ – wurde das eigentlich jemals zum Problem?

Wir fielen ja damals gerade in die Ära nach der Abschaffung des Paragrafen 175, da fingen die Zeiten an sich zu ändern. Und in München rund um den Reichen-bachplatz, wo wir uns aufhielten, war damals ohnehin das so genannte „warme Viertel“, wo es normal war, wenn Männer zum Beispiel zusammenlebten. Trotzdem wurde Fassbinder sogar nach seinem Tod auch in München noch mit Dreck beworfen. Ich kann mich noch gut an das Gerede erinnern, ob man eine „schwule Drecksau“ wie ihn auf dem Prominenten-Friedhof Bogenhausen begraben dürfe. Unter anderem deswegen bin ich damals auch wenig später nach Westberlin gegangen. Und bis man in Deutschland wirklich erkannt hat, was in diesem Burschen drin gesteckt und was er tatsächlich geleistet hat – das hat fast zehn Jahre gedauert.

Findet Fassbinder denn heute Ihrer Meinung nach die Anerkennung, die er verdient hat?

Heute ist das Bild, das die Leute von Rainer haben, fast schon ein bisschen zu überhöht. Einfach weil sie viel zu wenig über ihn wissen und oft auch viele Filme gar nicht gesehen haben. Die haben nur irgendwo gelesen, dass Fassbinder eben ein Genie war. Das gibt’s bei uns ja nicht allzu oft, vor allem beim Film. Aber das dann einfach nachzuplappern, ist genauso typisch deutsch wie dass damals auf ihn draufgehauen wurde. Insofern wird er vielleicht heute in mancher Hinsicht ein bisschen überbewertet. Bei seinen über 40 Filmen sind aber bestimmt sieben oder acht dabei, die in der Filmgeschichte Bestand haben werden. Und das ist schon absolut erstaunlich, nicht nur für einen deutschen Regisseur.

Haben Sie selbst eigentlich einen Fassbinder-Lieblingsfilm?

„Wildwechsel“ mit Eva Mattes mag ich schon sehr gern. Erstens bin ich da ziemlich gut. Und zweitens sehe ich da ziemlich gut aus und war richtig schlank. Dass der Film wegen des Streits mit Franz Xaver Kroetz bis heute – außer einer Fernsehausstrahlung – nicht wirklich herausgekommen ist, ist wirklich schade. Der hätte mehr verdient gehabt. Außerdem finde ich „Lola“ schon auch sehr gut.

Zum Abschluss noch ein hypothetischer Blick zurück: Was wäre wohl aus Ihnen geworden, wenn Sie Fassbinder nie begegnet wären?

Wahrscheinlich hätte ich versucht, den Weg der Revolution weiterzugehen, den langen Marsch durch die Institutionen. Aber mit Sicherheit wäre ich Lehrer geworden in Dingolfing und mit Frau und zwei Kindern totunglücklich. Gott sei Dank ist alles anders gekommen.

Das Interview führte Patrick Heidmann.