Es war so bitter gekommen zu Ende des Tausendjährigen Reiches vor 70 Jahren: Die charismatische Berliner Zeichnerin, Bildhauerin und Kriegsgegnerin Käthe Kollwitz saß alt, schwach, illusionslos und mit trüben Augen nur noch am Turmfenster ihres winzigen sächsischen Exils auf dem Rüdenhof nahe Schloss Moritzburg. Und sie beobachtete stumm die über die Moritzburger Teiche ziehenden, vom Aprilwind gejagten Wolken.

Mit letzter Kraft setzte die 77-Jährige die grandiosen, dem Desaster unten auf der Erde gegenüber gleichgültigen Wolken-Formationen aufs Papier. Sie notierte ins Tagebuch jene Briefzeile, die einst, 1779, Goethe an den alten Freund Lavater geschrieben hatte: „Aber unsere partikularen Religionen wollen wir ungedudelt lassen. Ich bin aus der Wahrheit der fünf Sinne.“

Von der „Kraft der Schwachen“ durchdrungene Kunst

Am 22. April 1945, gerade mal 17 Tage vor der Kapitulation Hitlerdeutschlands, starb die Kollwitz, nahe dem zerstörten Dresden, getrennt von der Familie und ihren NS-verfemten Bildwerken, in denen es immer um eines ging: um das Leben, gegen Krieg und Gewalt. Diese Kunst gedieh am Mut der Verzweiflung, am Widerstand, an der Wut gegen die braunen Barbaren.

Das Berliner Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße Nr. 24 zeigt, wie auch die große Museumsschwester in Köln, seit vielen Jahren, wie sehr diese Kunst durchdrungen ist von der „Kraft der Schwachen“, wie die Schriftstellerin Anna Seghers es einmal schrieb.

Längst hat Berlin der Künstlerin, die einst die Preußische Akademie der Künste mit ihrem humanistischen Credo prägte, die für die Nazis eine „Entartete“ war und die noch viel zu lange nach dem Krieg nur als „proletarisch-revolutionäre“ Künstlerin in arg verengter Perspektive gesehen wurde, einen Preis mit ihrem Namen gewidmet. Der Nachlass der Frau eines Armenarztes aus dem einstigen Proletenviertel Prenzlauer Berg wird hoch geachtet. Auch ihr Ausspruch „Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in meiner Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, wird heute in seiner ganzen tiefsinnigen und brandaktuellen – Tragweite begriffen. Und von Künstlern, alten wie jungen, auch beherzigt.