Manfred Maurenbrecher: Autor, Komponist und Sänger.
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BerlinWie hat er das bloß kommen sehen? Diese Zeilen klingen ja fast prophetisch: „Zuhaus sein ist in Mode sehr. Mobilitätsrechte kriegt kaum noch wer. Fernreisepunkte aussichtslos. Die Cleversten im Nichtstun groß.“ Manfred Maurenbrechers neues Album trägt den vieldeutigen Titel „Inneres Ausland“ – und ist doch keineswegs zur Corona-Krise geschrieben, sondern schon im Sommer und Herbst vorigen Jahres aufgenommen worden. Den Song „Jetzt auf einmal geht’s“ trug er schon beim satirischen Jahresrückblick im Mehringhoftheater vor – als Ausblick auf eine Öko-Wende.

Die Lieder von Manfred Maurenbrecher haben oft solch ein spielerisches utopisches Moment, beschwören gern ein Umkippen des Festgefügten. So lassen sich auf jeder Platte Songs finden, die derzeit gut passen würden, Songs wie „Hoffnung für alle“ von 2009 oder „Welt am Durchdrehn“ von 2013.

Sein neues, das 25. Album, prall gefüllt mit 16 Songs über 67 Minuten und musikalisch enorm abwechslungsreich, wollte er eigentlich in seinem Stammhaus Mehringhoftheater vorstellen. Doch sowohl der erste Termin im März als auch der Nachholtermin Ende Mai mussten gestrichen werden. Ein Clou hätte ohnehin kaum auf die enge Bühne gepasst: Im Album hat er nicht nur einen Chor eingesetzt, sondern dem Zusammentreffen verschiedener Milieus beim gemeinsamen Singen ein extra Stück gewidmet.

In „Inneres Ausland“ beweist er sein Faible für Randy Newman und Franz Josef Degenhardt. Wie Newman steigt er in Rollen ein, wie Degenhardt ist er politisch kompromisslos. In „Puppen“ mutmaßt er aus der Perspektive eines wehleidigen Fremdenhassers, dass die Bilder von toten Flüchtlingen am Strand nur dank künstlicher Intelligenz inszeniert worden seien. In seinem vorigen Album „Flüchtig“ hatte Maurenbrecher noch mit dem steten Aufbrechen und Flüchten gespielt.

„Inneres Ausland“ kreist mehr ums Ankommen. Er hat einige Klavierballaden kreiert, die so berückend-schwärmerisch sind, dass er eine davon „Herbstschnulze“ nennt. Im Stück „Jubilar“ macht er sich Gedanken über seinen runden Geburtstag. Am 2. Mai wird er 70 Jahre alt.  Sechs Leben sind aufgebraucht, singt er in „Der Rest ist Mut“, aber: „Eins hängt noch im Schrank“. Seine beiden festen Lebensorte hat er auch literarisch verewigt. Die Künstlerkolonie Wilmersdorf unweit des Breitenbachplatzes, wo er dank eines Schauspieler-Großvaters eine Wohnung bekam, hat er in einem Essayband beschrieben; seine Erlebnisse im Osten Brandenburgs ließ er in den vielstimmigen Roman „Grünmantel“ einfließen.

Auf dem neuen Album hält er natürlich auch einen Ausweg aus der Krise bereit: „Panik war gestern, heut geht’s neu los. Alles ist offen, die Hoffnung groß“.

Manfred Maurenbrecher: „Inneres Ausland“, Reptiphon