Zu seinem 85. Geburtstag hat sich Hans Magnus Enzensberger ein besonderes Geschenk gemacht. Er hat sich mit sich selbst beschäftigt, autobiografisch. Eigentlich mag er das nicht, es passt nicht zu ihm. Enzensberger – Lyriker, Übersetzer, Essayist, Verleger, Herausgeber und ganz zuletzt erst Romanautor – hasst das Psychologisieren. Träume findet er schlichtweg blöd, Intimitäten mag er nicht verraten und über das Auseinanderleben mit seiner russischen Frau schreibt er in seinem jüngsten Buch „Tumult“ gerade mal: „Ich fürchte, auf beiden Seiten war es zu einer Art Materialermüdung gekommen.“

Enzensberger ist ein Faktenhuber mit Sinn für doppelte Böden. Ein Autor der großen Gefühle ist er nicht, auch kein Freund verästelter Psychologie. Eine berühmte Zeile aus seinem Gedicht „ins lesebuch für die oberstufe“, geschrieben in der damals schicken Kleinschreibung, lautet: „lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer“. Es stammt aus seinem 1957 erschienen Lyrikdebüt „verteidigung der wölfe“. Enzensberger interessieren Erfinder mehr als Liebende; 1975 veröffentlichte er „37 Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“, die sich mit Darwin, Gutenberg, Guillotin, aber auch mit Chopin, Che Guevara und Bakunin beschäftigten.

Enzensberger kokettiert in Gesprächen gern damit, dass ihm eine zentrale Erfahrung fehle, von der viele seiner Kollegen mit Hingabe zehrten: Mit einer unglücklichen Kindheit könne er nicht dienen. Ödipus sei bei ihm ausgefallen, eine kalte Mutter habe er nicht vorzuweisen und mit dem Vater, einem Oberpostdirektor, war auch alles in Ordnung. Also ist er zu dieser quirligen Sachhaltigkeit verdammt, die sein Markenzeichen geworden ist.

Dass er nun doch zu einer Auseinandersetzung mit einem Teil der eigenen Geschichte ausholt, mag dadurch befördert worden sein, dass er sich gegenständlich selbst erschienen ist. Beim Aufräumen des Kellers fand er eines Tages „zwischen Weinregal und Werkzeugkasten“ ein paar Pappschachteln mit Sudelheften, Briefen und Notizbüchern, darunter einen Bericht über seine erste Reise durch die Sowjetunion 1963, eine zweite 1966 und seine Aufenthalte auf Kuba, die er zusammen mit seiner in Moskau kennengelernten Frau Maria Makarowa verbrachte. Diese Aufzeichnungen sind, von den ärgsten Peinlichkeiten bereinigt („manche Dummheiten habe ich stehengelassen“), im Buch dokumentiert, ergänzt um einen aktuell geschriebenen Dialog zwischen dem aufrührerischen Enzensberger von einst und dem listigen alten von heute. Den interessiert vor allem eins: „Mein Lieber, was hast dir bei allem gedacht?“

Doppelleben aus Passion

Nun weiß man, dass Enzensberger ein Luftikus ist und sein will. Er hat sich immer wieder als fliegender Robert aus dem Struwwelpeter stilisiert, der Sturm und Regenschirm nutzt, um sich auf und davon zu machen. Als „Harlekin am Tisch der Revolutionäre“ wurde er schon 1970 bezeichnet, und so wundert es nicht, dass er sich als unsicheren Kantonisten unter den 68er-Revolutionären schildert. Verwunderlich ist vielmehr, dass er nicht, wie so viele seiner gereiften Ex-Genossen, die Revolte mit einer Verachtung schildert, als wäre er gar nicht dabei gewesen.

Gewidmet ist das Buch „Den Verschwundenen“. Darunter sind die unzähligen Opfer in der Sowjetunion und in Kuba zu zählen, aber auch Anstifter wie Opfer der großen Unruhe in Westdeutschland: „Oft waren das Leute, die in mehr als einem Sinn selbstlos waren: Sie nahmen weder auf sich noch auf andere Rücksicht und rissen ihre arglosen Anhänger mit ins Verderben“ – in den Drogensumpf, in die Psychiatrie, in den Selbstmord. „Gelegentlich wurde mir in den Jahren des Tumults eine Protagonistenrolle zugeschrieben, an der mir wahrlich nicht gelegen war. Aber einen Rest von Komplizentum kann ich und will ich nicht abstreifen. Jeder, der in das Durcheinander verwickelt war, haftet mehr oder weniger mit. Also sehe ich zu, was ich tun kann, um einigen dieser Unbekannten zu helfen, oder, wo das nicht möglich ist, ihrer zu gedenken.“

Das sind ungewöhnlich ernste, bekennende Worte eines Mannes, der sich das Schelmentum und die Unberechenbarkeit zur zweiten Haut hat werden lassen. Und dann folgt eine Passage, die stutzen lässt: „Natürlich ahnten die intelligenteren Häuptlinge unter den politischen Köpfen, dass auf einen Schriftsteller, auch wenn er den Mund voll nimmt mit politischen Phrasen, im Grunde kein Verlaß ist. Dafür sprach in meinem Fall schon der Eifer, mit dem ich unterderhand weiterschrieb an vielem, das erst Jahre später oder gar nie ans Licht kam.“

Unterderhand? Niemand konnte den Herausgeber des tonangebenden Theoriemagazins Kursbuch zwingen, etwas „unterderhand“ schreiben zu müssen. Nein, der fliegende Robert führte ein Doppelleben aus Passion. Begierig, den kritischen Zeitgeist mitzuformulieren nach Kräften, desertierte er noch im selben Augenblick aus seinem Job als Sprachrohr kraft Intelligenz und Ironie. Großartige Texte sind so entstanden. Aber es wäre uns Lesern zu wünschen, er würde für sein nächstes Buch (noch) einmal den Regenschirm im Schrank lassen.

Hans Magnus Enzensberger: Tumult.Suhrkamp. Berlin 2014. 287 Seiten, 21,95 Euro (Leseprobe)