Eines von Jasper Johns' Flaggen-Gemälden (Ausschnitt)
Foto:  Imago/Ray Tang / MOMA/VG BIldkunst Bonn 2020

BerlinMan wird Jasper Johns nicht gerecht, wenn man ihn und sein Werk unter dem Stichwort Pop Art ablegt. Dabei hat kaum jemand die amerikanische Nachkriegsavantgarde derart geprägt wie der Maler, Plastiker, Bühnen- und Kostümbildner. Johns war Weggefährte von Eigenbrötlern wie John Cage und dem Tänzer Merce Cunningham, eng war auch der Kontakt zu Marcel Duchamp. Dessen Versuche, visuelle Erinnerungen von einem Objekt zum nächsten zu übertragen, nahm auch Johns auf. Zusammen mit seinem Freund Robert Rauschenberg trat er in Opposition zum übermächtigen abstrakten Expressionismus. Auf Jackson Pollocks „Drippings“ etwa reagierte er mit „Willkürtaten“, indem er sarkastische Schwarzweißbilder dagegensetzte.

Auf den Porträtaufnahmen sieht man ihn selten lächeln. Und wenn doch, dann schien er sich über die Euphorie des Publikums zu amüsieren, so wie vor Jahren im Kölner Museum Ludwig, wo er seine ikonischen „Flaggen“ und „Numbers“ zeigte.

Japser Johns lächelt selten auf Porträts.
Foto: Imago

Entdeckt wurde Johns durch den New Yorker Galeristen Leo Castelli, der die Begegnung mit Johns’ frühem Meisterwerk „Grüne Zielscheibe“ als göttliche Erscheinung bezeichnete. Das MoMA kaufte es sofort an. Johns lebte damals im selben Haus wie Rauschenberg, und wie dieser suchte er einen poetischen Zugang zu den Objekten des Alltags. Besonders fixiert war er dabei auf die Inkunabeln der 50er- und 60er-Jahre, in denen die „Flaggen“ wie eine suggestive Antwort auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wirkten, gerade auch weil Motiv und Farbigkeit auf das Wesentliche reduziert schienen.

Mit den Flaggen hatte er sich erstmals um 1955 beschäftigt, weil er ein Thema suchte für eine soeben wiederentdeckte Maltechnik aus dem Altertum: die Enkaustik, bei der in Wachs gelöste Farben heiß auf Leinwand oder Holz aufgetragen werden. Zudem mischte er Zeitungspapier darunter. Das gab der Bildoberfläche eine geschmeidige Struktur, als wäre es Haut.

Abbild, Symbolik oder Abstraktion? Johns malte in gut sechzig Jahren zahllose Varianten der Flagge, experimentierte mit dem Symbol, machte die Streifen und Sterne grau bis zur Anonymität oder ließ sie in sakralem Weiß verschwinden. Ähnliches trieb er mit Zielscheiben, Zahlen, Buchstabenreihen, Kreuzschraffuren, sogar der Landkarte der Vereinigten Staaten. Zuerst malte Johns die Motive als farbige Ikonen, dann tilgte er das Color und löste alle Formen malerisch auf.

Dieses Spiel treibt er bis heute, und in seinem Spätwerk fährt Johns zitatenreich wie auf einer Geisterbahn abendländischer Kunstgeschichte hin und her. Im Bild „Jahreszeiten“ tauchen viermal Picassos „Schatten“ und der Kreis aus Leonardo da Vincis Maßanalyse auf. In Enkaustik-Technik bannt er auch Holbeins „Bildnis eines Edelknaben mit Meerkatze“ auf die Leinwand. Oder nehmen wir die „100 Monotypien“, die nun im Museum Barberini ausgestellt sind. Hergestellt mit dem Abdruck seiner Hand, zitieren sie die Symbole der Gebärdensprache und verweisen als Drucke, mit Schnüren und Schablonen collagiert, auf seine Gemälde.

Es ist, als wolle Johns Sehen, Sprechen und Denken gleichzeitig aktivieren. Das unterscheidet ihn von Andy Warhol, den vor allem der Identitätskonflikt zwischen dem Gegenstand und dem Anspruch, ihn zum Kunstwerk zu erheben, reizte. Johns glaubt, dass sich gerade an profanen Objekten das Auserkorene der Malerei erweise.   In diesem Sinne laden seine Collagen als „optische Fallen“ zur Aufmerksamkeit in einer visuell überfütterten Welt ein. Es verdichten sich die Anspielungen und Verfremdungseffekte; ständig wiederholt er das Repertoire. Doch bleibt das scheinbar Zugängliche eine Täuschung. Man muss bereit sein, sich auf ein ironisches Spiel einzulassen. Andernfalls lässt einen Johns Bildwelt hermetisch außen vor. Man kann sie bestaunen, jedoch nicht betreten.

Museum Barberini, Potsdam Alter Markt, bis 19. Juli, Mi-Mo 10-19 Uhr