Was Friederike Mayröcker in ihrem neuen Buch formuliert, ist poetisch, persönlich und oft ziemlich rätselhaft. „fassungslos bin ich (bin sehr verwildert) alles so uferlos = FLEUR in meinem Bette 1 Federchen am Morgen ist eine Taube vorübergeflogen?“ Mit Ende achtzig geschrieben, zum 90. Geburtstag erschienen, heißt es „cahier“ – Schreibheft. Nach ihren „études“ im vergangenen Jahr legt der Titel wieder eine kleine Form nahe, nach den Fingerübungen nun Seiten, die üblicherweise keine Kunst, sondern eher Notizen enthalten.

Einfach waren ihre Texte ja noch nie. Nach einer sehr kurzen Phase zarter Lyrik schrieb Mayröcker stets, als wolle sie dem Klang, Witz, der Vieldeutigkeit und provokativen Kraft der Worte mit allen Mitteln Raum verschaffen. In ihrem vielleicht bekanntesten Gedicht „Tod durch Musen“ heißt es unter anderem „(poet.) knallen; schnuppe am lampendocht / gebrüll / weintoll / entfesselte dame! / und schon sind wir drin in der suspekten abstraktion.“ Auch ihre vielen, teilweise sehr dicken Prosa-Bücher erzählen keine Geschichten – sollen es auch gar nicht. Für die schlichte Narration hatte sie noch nie etwas übrig. Lieber fügt sie ineinander verschwimmende Fragmente ihres Lebens aneinander, zitiert und assoziiert, spielt mit Buchstaben, Satzzeichen, Klängen, arbeitet an und in der Sprache: eine Dichterin, die „Wortraketen“ abschießt, den „elektrischen Funken“ ihrer Kunst zündet oder sich, durchaus traditionell, den Flügeln der Poesie anvertraut. Vögel waren bei ihr immer ein wichtiges Motiv.

Überschüttet mit Kritikerlob und Preisen

Ein breites Publikum erreicht sie damit natürlich nicht, wird aber mit Kritikerlob und Literaturpreisen überschüttet. Viele sehen sie als Kandidatin für den Literaturnobelpreis. Denn alles, was Mayröcker seit über sechzig Jahren schreibt, zeigt, dass Sprache so viel mehr kann als schildern, informieren, regulieren.

Bei ihr ist sie anarchisch, schwierig, sie produziert Sinn, ohne ihn zu fixieren, evoziert intensive Gefühle und Stimmungen, ist immer wieder betörend schön und in ihren oft eigenwilligen poetischen Bildern bestechend genau.

Mayröcker schreibt leidenschaftlich, unermüdlich, ja, manisch und es passt, dass sie sich in Ernst Jandl verliebte. Die beiden waren über 40 Jahre ein legendäres Wiener Dichter-Paar. Nach seinem Tod im Jahr 2000 kreiste sie, natürlich schreibend, um ihn und ihre Trauer, 2001 erschien das „Requiem für Ernst Jandl“.

Sie veröffentlicht weiterhin fast jährlich ein Buch und so entstanden poetische Texte aus der Perspektive eines sehr alten Menschen. Allein das macht neugierig – denn wer gibt über das Leben jenseits der achtzig, fast neunzig auf diese Art Auskunft? Der Stoff ihrer Sprachkunst ist ja immer auch ihr Alltag, alle ihre späten Arbeiten werfen Schlaglichter auf die „geriatrische Sicht der Dinge“, wie sie es in ihrem Briefbuch „Paloma“ ausdrückte.

Auch „cahier“ berichtet von Vergesslichkeit („war es nicht als ob mein Kurzzeitgedächtnis in jeder Sekunde zwinkerte“), Gebrechen, Angewiesenheit: „wie bin ich elend man behandelt mich wie 1 Kind, mir träumte ich sei 1 Vogel und schlüge mit Flügeln …“

Vor allem aber beschwören die kurzen, chronologisch geordneten Prosatexte Erinnerungen an jüngere Zeiten, an Liebe, an Kindheit, Spaziergänge, Reisen, immer wieder an Jandl. Es sind oft glückliche Momente, voller Bewegung, Aktivität, Begehren, sie reiben sich an einer oft einsamen und verzweifelt-eingeschränkten Gegenwart.

Verlustschmerz im Alter

Mayröcker zeigt Schmerz über die Verluste, die das Alter mit sich bringt, schreibt aber auch über gegenwärtige Freunde, Kollegen – allen voran Ann Cotten und Marcel Beyer, der zu ihrem achtzigsten eine voluminöse Sammlung ihrer Gedichte herausgab. Und wie immer taucht auf, was sie träumt und was sie liest, diesmal vor allem Jaques Derridas „Glas“ – eine philosophisch-poetische Inszenierung der Dekonstruktion und ihr ständiger Begleiter.

Manchmal beklagt sie die wachsende Anstrengung, die ihre Arbeit bedeutet und die schwindende Kraft und Zeit, die dafür bleibt. „bin DURCHGEKNALLT : lausche deinem Gesang, habe fast keine Zeit für die gewöhnlichen Dinge weil ich schreiben musz immerfort, Immortellen, veilchenweise.“

Und obwohl es heißt: „In meinem hohen donnernden Alter“, donnern ihre Texte nicht mehr ganz so wie einst. Sie werden wieder abstrakter, sparsamer, sicher auch unzugänglicher – aber nicht weniger intensiv oder prägnant. Es ist ein bisschen so, als würde sich hier eine vom immer engeren Leben in die Weite der Sprache bewegen, alle verbleibenden Energien auf eine Sphäre richten, die ihr ohnehin stets die wichtigste war. Denn an Rückzug und Aufhören denkt sie offenbar nicht.