Als Elmar Faber 1983 die Leitung des Aufbau-Verlags übernahm, sahen ihn die Mitarbeiter und Autoren zunächst als exotisches Wesen an. Kam er doch von Edition Leipzig, einem Haus, dessen prachtvolle Bildbände fast ausschließlich für den Export in den Westen produziert wurden. Bei Aufbau aber erschienen die Bücher von Christa Wolf und Helga Königsdorf, von Erwin Strittmatter und Hermann Kant, die in die Gesellschaft wirkten.

Christoph Hein, der dort damals bereits Erzählungen veröffentlicht hatte und seine viel diskutierte Novelle „Der fremde Freund“, war misstrauisch. Man sieht es den ersten Briefen an, die beide miteinander wechselten. Die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“, von der Hein anfangs schreibt, klingt wie eine Forderung. Als er später, Kritik kaum verhehlend, nach Büchern „vom krausen Rand der Literatur“ fragt, hält Elmar Faber ihm entgegen: „Die Literatur ist unteilbar, unteilbar wie der Geschmack des Publikums. Ich darf, so glaube ich und als Verleger zumal, beiden nicht irgendwo eine Ecke oder Kante abzuschneiden versuchen.“ Er verteidigt die Vielfalt des Programms. Worüber er dabei nicht schreibt, wissen beide  nur zu gut: Dass das Büchermachen in der DDR abhängig war von den Urteilen der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur.

„Ich habe einen Anschlag auf Sie vor“ heißt das Buch, in dem die Briefe gesammelt sind. Damit startet der Verlag Faber & Faber neu, der nach dem Tod Elmar Fabers und wegen der Arbeit seines Sohnes Michael Faber als Leipziger Kulturbürgermeister einige Jahre pausierte. Es ist ein schönes Buch, mit nachtblauem Vorsatzpapier und Schutzumschlag versehen, in der eleganten Schrift Warnock im Flattersatz gesetzt. Von 1983 bis 2017, mit längeren Pausen, kann man verfolgen, wie aus einer Arbeitsbeziehung eine Freundschaft wuchs.

Die beiden Männer schreiben einander wenig über Privates, viel aber über ihre Sorgen um die Lesekultur – von unterschiedlichen Standpunkten.  Während Faber zwar einräumt, dass es „doch immer nur die Hälfte der produzierten Bücher ist, die sich wie warme Semmeln verkaufen läßt“, schildert Christoph Hein die Mangelwirtschaft: „Unsere Buchhandlungen haben kein Sortiment, sondern lediglich ein Rudiment von Büchern.“  Der Verleger redet seinem Autor einiges schön. Der bleibt widerborstig.

Später bildet sich hier ein Teil des Dramas der Abwicklung der DDR-Verlage am Beispiel von Aufbau ab. Elmar Faber sollte mit dem Vorwurf, er sei Stasi-Mitarbeiter gewesen, aus dem Amt getrieben werden. Als Christoph Hein den Treuhand-Verantwortlichen nach Belegen fragte, hatte der sie nicht dabei und konnte sie auch später nicht beibringen. Faber ging von selbst, gründete mit seinem Sohn das neue Unternehmen – davon handeln weitere Briefe.

So aufschlussreich sich vieles hier darbietet, muss doch oft in  Fußnoten erklärt werden, was nachgewachsene Leser nicht wissen können. Leider hat den Herausgeber Michael Faber oder seine Mitarbeiter da die Sorgfalt etwas verlassen. Vertipper bei Jahreszahlen sind verzeihlich, dass Christoph Heins Kinderbuch mal „Ein Wildpferd unterm Kachelofen“,  mal „Das Wildpferd…“ heißt, weniger. Einige Angaben sind gar zu knapp. Zu lange musste Gerhard Wolf für die Bücher unangepasster Autoren kämpfen, als dass „in den später 1980er-Jahren“ als Erscheinungszeit hier angemessen benannt wäre.  „Außer der Reihe“ gab es von 1988 bis 1991. Und wenn vermerkt ist, die „Sendesignale der beiden westdeutschen Programme“ seien im Dresdener Raum nicht empfangbar gewesen, geht die Ironie verloren, mit der Hein von  „merkwürdigen Faltungen der Erdoberfläche“ spricht. Es war das „Tal der Ahnungslosen“.

Es ist ein Buch für Leser mit Erfahrung. Kulturgeschichtlich interessant werden sie viele   Mitteilungen zum Stand der Projekte finden, auch den gereizten Ton in der Zeit des Übergangs, als beide sich mühen, ihr Werk in das andere Wirtschaftssystem zu retten.  Wie  gewitzt Autor und Verleger um das Erscheinen  des Romans „Horns Ende“ rangen, wird aber erst in der beigefügten Grabrede deutlich, die Hein auf Elmar Faber hielt.

Christoph Hein/Elmar Faber: Ich habe einen Anschlag auf Sie vor. Der Briefwechsel. Faber & Faber, Leipzig 2019. 158 S., 22 Euro