Leitzeichenanlage oder Corona-Ampel? Der Hermannplatz in Neukölln
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Die Lage ist ernst, aber nehmen wir sie auch ernst? Wenn die Eindrücke der vergangenen Tage nicht täuschen, befinden wir uns in einer neuen Phase der Corona-Pandemie. Nicht nur aufgrund der zuletzt wieder drastisch gestiegenen Infektionszahlen, deren Darstellung in Tabellen, Reproduktionszahlen und Werten über die sogenannte 7-Tage-Inzidenz wir vorübergehend schon aus den Augen verloren hatten.

Die Ansteckungsfahr war nie ganz aus dem Bewusstsein der meisten Menschen verschwunden, nun aber kehrt sie in Form einer wachsenden Empfindlichkeit und Reizbarkeit zurück. In der Warteschlange vor einem Café mit Backwaren stehe ich im Freien mit Maske und rücke im Minutentakt vor. Geduld ist zur Bürgerpflicht geworden, dafür bedarf es nicht eigens des Appells der Bundeskanzlerin. Ich bin um staatsbürgerliche Folgsamkeit bemüht. Von einer Frau, die vor mir in der Reihe steht, werde ich jedoch zurechtgewiesen, ich möge nicht zu dicht aufrücken.

Habe ich gar nicht getan, aber entscheidend ist wohl, dass sie meine Anwesenheit in ihrem Rücken als Aufdringlichkeit empfand. Ich entschuldige mich und versuche, etwas mehr Abstand zu halten. Zum sozialen Gebot der Stunde, so sage ich mir, gehört auch die Konfliktvermeidung. Es kommt wohl auch auf die Besonnenheit an, die möglichen Verhaltensweisen anderer miteinzubeziehen. Das klappt aber nicht. Die Frau vor mir gerät wenige Minuten später in Streit mit einer jungen Frau, die sich auf dem Weg zur Toilette dicht an ihr vorbeischlängelt.

Für Momente wie diese gibt es keine Verordnungen, das Ordnungsamt und die Politik vermögen hier nichts zu regeln. Was sich nun immer mehr bemerkbar macht, ist das Erlahmen des behördlichen Zugriffs. In diesem Sinne darf man wohl auch die empörte Reaktion von Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci gegenüber einer Gruppe von Wirten verstehen, die erfolgreich gegen die Berliner Sperrstunde geklagt hatte. „Wissen Sie nicht, was auf dem Spiel steht?“, hatte Kalayci getwittert. „Lockdown mit schweren wirtschaftlichen Folgen. Um dies zu verhindern, tragen auch Sie eine Verantwortung.“ Man meint, die Verzweiflung Kalaycis aus diesen Worten herauszulesen, mit denen sie die Verantwortung über die misslungene politische Steuerung an eine Handvoll Betroffener delegiert, die zur Verteidigung ihrer wirtschaftlichen Existenz den Rechtsweg beschritten hatten.

Für Politiker, die zuletzt immer stärker über die Durchsetzung von Verordnungen und immer weniger über die demokratische Legitimierung ihres Tuns durch Parlamente regiert haben, stellen Gerichtsentscheidungen wie die gegen die Berliner Sperrstunde oder die Zurücknahme des Beherbergungsverbots in einzelnen Bundesländern ein Dilemma dar. Sie entziehen ihrer demonstrativen Entschlossenheit die Wirkung. Galt der deutsche Föderalismus in der frühen Corona-Phase als unbedingter Vorzug gegenüber zentralistisch regierten Ländern, mit dem behutsam und regional unterschiedlich auf die einzelnen Herausforderung zu reagieren möglich war, so erscheinen die unterschiedlichen Maßnahmen zunehmend als Kontrollversagen derer, die doch den Weg durch die Krise weisen sollen.

Es ist in dieser Situation allerdings nicht hilfreich, den politischen Akteuren die Widersprüchlichkeit ihres Tuns vorzurechnen und ihnen ein schlechtes Zeugnis auszustellen. Der Sommer der Lockerungen scheint insgesamt nicht dazu genutzt worden zu sein, jene zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung zu erreichen, die sich wenig für die Verbreitungswege des Virus interessieren, geschweige denn bereit sind, ihr Verhalten zur Eindämmung von dessen Ausbreitung zu ändern.

Es gibt insbesondere in den urbanen Zentren soziale Milieus, die gar nicht oder nur sehr bedingt bereit sind, sich an die gebotenen Einschränkungen zu halten. Anstelle einer immer schärfer werdenden Politikerschelte bedarf es trotz allem eines Vertrauens in die gesellschaftlichen Kräfte zur Selbstregulierung. Angesichts sich zuspitzender sozialer Spannungen verblüfft noch immer die große Disziplin, in der sich die Menschen durch den komplizierter gewordenen Alltag bewegen.

Die gesellschaftliche Spaltung verläuft denn auch nicht zwischen den Schlauen und den Unbelehrbaren. Der Umgang mit der Corona-Pandemie erfordert Lernprozesse in nahezu allen Bereichen und bedarf gerade deswegen auch der Einwände von Skeptikern. Es gibt keine Erfahrung mit einem Krisenmodus, in den man, wie es die Redewendung nahelegt, einfach umschaltet. Was es jetzt braucht, ist eine situative Intelligenz zur Fehlerreduktion – bei politischen Entscheidungen genauso wie in der Warteschlange.