Berlin - Ein Bild vom vergangenen Wochenende geht mir nicht aus dem Kopf, es zeigt den belarussischen Diktator Lukaschenko im Gespräch mit Wladimir Putin beim gemeinsamen Mittagessen in Sotschi.

Lukaschenko hat seinen 15-jährigen Sohn Mikalaj mitgebracht, der, obwohl er die Gegenwart großer Staatslenker bereits gewohnt ist, etwas verlegen wirkte.

Man gibt sich gewohnt leger, Mikalaj trägt ein kurzärmeliges Hoodie, in dem er ausdrücken zu wollen scheint: Ich muss gleich noch zum Sport. Worüber spricht man bei solch einer Gelegenheit? Hör gut zu, Junge! Das Niederschlagen von Volksprotesten ist keine Kleinigkeit. Nein, das Wort Volksproteste werden weder Lukaschenko noch Putin in den Mund genommen haben.

Vielleicht hat Mikalaj, nachdem alle Fotos gemacht sind, auch frei. Er wirkt ohnehin wie eine Geisel der Repräsentationslust von Staatsmännern, die durch seine Gegenwart eine Normalität zu symbolisieren versuchen, die es in ihrem Leben nicht gibt.

Die Abwesenheit der Frauen

Spürbar geprägt aber ist die Szene durch die Abwesenheit von Frauen. Gerade dadurch jedoch schleicht sich – zumindest bin ich geneigt, es so zu sehen – die Angst der in die Jahre gekommenen Männer vor den starken Frauen aus Belarus ein.

Es sieht stets so aus, als würde Wladimir Putin bei solchen Begegnungen sehr leise sprechen. Eher murmelt er etwas vor sich hin, als wolle er sagen: Es kommt gar nicht darauf an, welche Worte über meine Lippen gehen. Sein weißes Blouson signalisiert eine sportliche Beiläufigkeit. Putin ordnet nichts an und verhängt keine Urteile. Vielmehr möge Lukaschenko, so legt die Szene nahe, aber auch die ganze Welt, auf der Hut sein und aus seinen Andeutungen die richtigen Schlüsse ziehen. Zeigt sie sich darin, die Grausamkeit der Macht? Oder sprechen hier doch bloß Männer miteinander, die Hobbys haben wie andere auch – und Leidenschaften, denen nachzukommen sie viel zu selten Gelegenheit haben?