Berlin - Ach, irgendwie wird man sowas vielleicht doch vermissen, wenn es das eines Tages nicht mehr gibt. Am Mittwoch beginnt die Berlin Music Week, bis Freitag tagt die internationale Musikbranche im Postbahnhof und feiert anschließend in den Clubs rund um die Spree, und seit Wochen schon füllt sich das Postfach des Popredakteurs mit Einladungen, Ankündigungen und Absichtserklärungen voller schrill schillernden Unfugs.

Beispielsweise lockt mich „Wyatt Jenkins, VP Product von Shutterstock“ gemeinsam mit „Thom Cummings, VP Growth & Insight von Soundcloud“ zu einem „Fireside Chat“– weiß der Kuckuck, was das bedeutet, aber einen Vizepräsidenten der Erkenntnis lernt man natürlich gern einmal kennen. In einer „Music Startup Corner“ präsentieren sich hoffnungsvoll aufstrebende Unternehmen wie die Firma „cPuls“, die im Rhythmus der Musik blinkende Mobiltelefonhüllen herstellt.

Die Entwickler glauben, dass ihre Kunden damit auf jeder Tanzfläche zum Star werden – aber natürlich nur, wenn sie beim Tanzen zugleich telefonieren. Das Herzstück der Berlin Music Week, die Konferenz „Word“ – zu deutsch etwa: Wort – befasst sich am Donnerstag und Freitag nach eigenen Angaben mit „Perspektiven der Recorded Industry“ – zu deutsch etwa: der aufgezeichneten Industrie –, aber auch mit „Diversity“ und „Produktionsbedingungen der Popkultur“.

Das bedeutet: Nach einem Kurzreferat unseres Kulturstaatssekretärs Tim Renner wird auf zirka drei Dutzend Podiumsdiskussionen die Frage erörtert, ob man mit Streaming-Diensten Geld verdienen kann, und wenn ja wie und warum das beispielsweise den Norwegern bereits besser gelingt als den Finnen. Ganz am Ende, am späten Freitagnachmittag, widmet sich ein einsames Podium dann noch der Frage, ob Popmusik nicht früher auch einmal etwas mit „Politik“ und „Haltung“ und Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse zu tun gehabt habe.

Rasendes Gefasel und aalig-alerte Szene

Wer wissen möchte, ob und in welchem Sinne Popmusik heute etwas mit Politik und Haltung und Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse zu tun hat, sollte der Einladung der Firma „nineteen95“ folgen. Sie veranstaltet am Mittwochabend im Magnet Club einen „DNA BLN Event “. Welche Künstler dort auftreten, erfährt man nicht, aber die Namen der Sponsoren: ein Wodkabrenner, ein Billighotel für Rucksacktouristen, ein Musik-Streaming-Dienst, eine Webseite, auf der man Billighotels für Rucksacktouristen buchen kann, ein soeben deutschlandweit verbotenes Privat-Taxi-Unternehmen und eine Firma namens „INgrooves Digital“ ohne näher erkennbaren Aufgabenbereich.

So trifft bei der Berlin Music Week auch in diesem Jahr die Technologie-Startup-Kultur mit ihrer hektischen Produktion irrer Geschäftsideen auf das rasende Gefasel der Internet-Nerds und die aalig-alerte Szene der Markenartikler-gesponsorten Event-Agenturen; es dürfte also wieder ein großer Spaß werden. Lediglich Vertreter der klassischen Musikindustrie sucht man vergebens, und auch Künstler kommen im Kongressprogramm kaum vor – für sie sind die abendlichen Konzerte bestimmt, sie sollen musizieren und nicht reden.

Die Berlin Music Week findet seit dem Jahr 2010 statt; diese Ausgabe ist also bereits die fünfte – eine bemerkenswerte Kontinuität angesichts der bislang durchweg gescheiterten Versuche, in Berlin eine internationale Musikmesse zu etablieren. Genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass hier erstmals eine Musikmesse zu scheitern begann: nämlich die Popkomm, die zuvor schon in Köln gescheitert war. Seit 1990 hatte sie dort stattgefunden, anfangs eine üppig ausgestattete Leistungsschau der Musikindustrie. Nach dem Kollaps der letzteren kamen die Überreste der Popkomm 2004 nach Berlin.

Neues Team, neues Konzept

Fünf Mal fand die Messe in den flugs immer leerer werdenden Messehallen unter dem Funkturm statt, dann sagte man sie 2009 wegen allzu geringer Teilnehmerzahlen kurzfristig ab. 2010 wurde die Popkomm im Rahmen der neugeschaffenen Berlin Music Week im Flughafen Tempelhof neu belebt und verendete dort umgehend wieder. Seit 2013 findet die Berlin Music Week gänzlich popkommfrei im Postbahnhof statt, aber wer sich im letzten Jahr einmal auf den Kongress verirrte, wurde auch nicht gerade von sich drängenden Menschenmassen zerquetscht.

Vielleicht könnte man sagen, dass sich der Eindruck verdichtet, dass in Berlin, der wichtigsten Musikstadt des Landes, keine dauerhaft erfolgreiche Musikmesse einzurichten ist. Auch die Berlin Music Week, die am Mittwochabend beginnt, ist nicht nur die fünfte, sondern in dieser Form wohl schon wieder die letzte. Die Kulturprojekte GmbH unter Leitung von Moritz van Dülmen, die sie in den vergangenen Jahren veranstaltet hat, wurde vom Berliner Senat aus diesem Auftrag entlassen. Ab 2015 übernimmt das Musicboard unter Katja Lucker die Regie.

Welche Pläne man dort mit der Music Week verfolgt, haben die Verantwortlichen noch nicht verraten; aber es wird ein neues Team geben und ein neues Konzept, und es spricht wenig dafür, dass es beim bisherigen Schwerpunkt auf Technologie-Startups bleibt oder auch nur beim offensichtlich obsoleten Format des Messekongresses. Und ob das begleitende Berlin Festival, das sich mangels Zuschauerzuspruch in diesem Jahr auf das Arena Gelände verkleinert hat, 2015 noch einmal stattfindet?

Immerhin eine Band gibt es, die von all dem Messescheitern profitiert hat: Kraftklub. Bei der Eröffnung der ersten Popkomm in Tempelhof 2010 gewannen sie den New Music Award und stiegen danach zur beliebtesten deutschen Indierock-Gruppe auf. Bei der Music Week präsentieren sie nun ihr neues Album „In Schwarz“ – wenn auch nur in einem Exklusivkonzert für geladene Gäste. Aber vielleicht wären ja die Veranstalter generell gut beraten, wenn sie sich um etwas mehr Exklusivität mühten.