Philosoph Wolfgang Harich anlässlich eines Prozesstermins in Berlin 1991.
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BerlinEs ist seltsam, aber ich lebe inzwischen schon 35 Jahre in Berlin. Dabei war es damals ja fast überall weltläufiger als dort, wo ich herkam. Mit etwas mehr planerischem Talent hätte ich mich zunächst in Erlangen einschreiben, dann nach Frankfurt am Main wechseln und schließlich über Wien nach Berlin kommen sollen, immer von einem theaterwissenschaftlichen Institut zum anderen und langsam hineinwachsend in die größere Welt. Dann könnte ich mir jetzt vorstellen, an einem Ziel angekommen zu sein. Stattdessen fühlt sich Berlin immer noch an wie ein Anfang, auch wenn sich die Stadt nach knapp fünf Jahren freundlicherweise verdoppelt hat, sodass die Jahresuhr vielleicht ja doch erst 30 schlägt.

Tatsächlich bin ich auf fast eingesessene Weise eine Archäologin meines eigenen Alltags geworden. In dieser Raucherkneipe war früher ein Blumenladen, dort, wo der syrische Seifenladen auch schon eine Institution ist, residierte eine Religionsbuchhandlung, daneben war der Bäcker, von dessen belegten Brötchen uns beim Renovieren der Wohnung so schlecht geworden ist. Welchen evolutionären Vorteil es wohl hat, dass man sich an eine Übelkeit erinnert, die eine Generation her ist, dafür aber ganze Stationen des eigenen Daseins zu vergessen vermag?

Als neulich ARD und ZDF zum 40. Geburtstag ihres Videotexts beglückwünscht wurden, fiel mir ein, dass ich da als Studentin auch zwei, drei Jahre gearbeitet habe, und das auch am 10. November 1989. Ich stand an der Fensterfront der heutigen rbb-Räumlichkeiten und sah die Leute vom Kaiserdamm kommend die Masurenallee hochziehen. Es war ein beeindruckender Strom, die dazugehörigen Nachrichten tickerten aus den Faxgeräten, ich hatte sie zu sortieren und aufzubereiten. Aber was ich damals über die zum Theodor-Heuss-Platz pilgernden Menschen dachte, weiß ich nicht mehr. Meine eigenen Verwandten in Dresden habe ich jedenfalls nicht angerufen. Dafür erinnere ich mich gut daran, dass der Fahrer des Taxis, mit dem ich morgens gekommen war (Frauen durften damals, wenn sie Frühdienst hatten, auf Kosten des Senders ein Taxi nehmen!) Kette geraucht hatte.

Als forschende Theaterhistorikerin wunderte ich mich früher oft, wenn Künstler, nach Ereignissen der Nachkriegszeit befragt, keine genaue Auskunft geben konnten. Oder ihre Erinnerungen erstaunlich akkurat zeitgenössischen Artikeln glichen, die ich später dazu las. Bei dem Regisseur und Bühnenbildner Willi Schmidt war ich etwa noch am Breitenbachplatz gewesen, bei dem Intendanten Boleslaw Barlog in Lichterfelde, bei dem Philosophen Wolfgang Harich am Volkspark Friedrichhain, um über die Zeit nach 1945 aus erster Hand etwas herauszufinden.

Aber oft kam da dann nur Anekdotisches. Oder bereits Dokumentiertes, als sei die persönliche Wahrnehmung, die in der jeweiligen Gegenwart doch jeden Winkel des Bewusstseins ausfüllt, ein mit Zaubertinte verfasstes Gebilde voll freier Radikale, die sich hastig irgendwo anheften, bevor sie verlöschen, um immer neuer Gegenwart Platz zu machen. Mit etwas mehr Erfahrung hätte ich mit allen über das gesprochen, was ist, nicht das, was war, um an ihrer Geschichte teilzuhaben. Aber wer sagt einem so was? Und was ist mir letztlich geblieben von diesen Besuchen? In jedem Fall dies: In allen drei Fällen servierten freundliche Ehefrauen Tee.