Am Sonntag ist die Schauspielerin Ruth Glöss im Alter von 86 Jahren gestorben. Fünfzig ihrer Bühnenjahre stand die kleine Frau hier in Berlin auf den Brettern, von 1964 bis 1983 in der Volksbühne und dann im Berliner Ensemble.

Es war ein Glücksfall, dass Ruth Glöss 1999, als Claus Peymann das BE übernahm, den Status der Unkündbarkeit erreicht hatte. Ein Glück vor allem für Claus Peymann, der sie sonst vielleicht aus Versehen entlassen hätte. In seiner Inszenierung „Die Unsichtbare“, die er 2001 ans BE übernahm, spielte die mitgebrachte Schauspielerin Kirsten Dene einen Zweistundenmonolog, eine Rolle zum Glänzen. Und Ruth Glöss musste im Hintergrund herumstehen, schweigen und warten, bis ein Zug heruntergelassen wurde, von dem sie einen Pappmond zu lösen und abzugehen hatte. Eine Statistenrolle.

Nun, Jahre später und klüger, nennt das BE sie in der Trauermitteilung eine „Ausnahmeschauspielerin.“ Und weiter heißt es, ebenso zutreffend: „Mit ihrer zarten, kleinen Erscheinung und ihrer gescheiten, trockenen Weltsicht ist sie eine der großen Persönlichkeiten des Ensembles.“ In der Tat hat sie noch viel zu spielen bekommen unter Peymann, der in dem Ensemble, das er übernahm, ja auch jemanden wie Carmen-Maja Antoni erst einmal entdecken musste, bevor er sie zur Protagonistin machte. Ruth Glöss bekam viele, meist kleine Rollen, die sie zu markanten Auftritten machte. Sie arbeitete bei Leander Haußmann, Peter Zadek, Thomas Langhoff und in allen Inszenierungen, die Robert Wilson am BE fabrizierte.

Ruth Glöss, geboren 1928 in Dresden, begann nach der Schauspielausbildung ihre Karriere beim Kabarett. Erste kurze Engagements führten sie über Greiz, Cottbus und Gera nach Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Noch bevor Gerhard Meyer dort segensreich und jahrzehntelang zu wirken begann und immer wieder geförderte Talente nach Berlin weiterreichen musste, war Glöss vorausgeeilt an die Volksbühne, wo sie fast zwanzig Jahre spielte. Shakespeares Julia, Schillers Luise und später auch deren Widersacherin Lady Milford. Für ihre Rolle als Miss Gilchrist in Brendan Behans „Die Geisel“ wurde sie 1966 zur „Besten Darstellerin“ gekürt. Sie erlebte den Aufschwung der Volksbühne unter Benno Besson und deren Niedergang Mitte der 1980er-Jahre, als sie den Sprung ans Berliner Ensemble schaffte, was wohl auch der Sprung ins Rollenfach der Alten war. Sie spielte bei Wekwerth, Tenschert, Müller, Schleef und Marquardt. Und litt in den politsch aufregenden Zeiten unter den Leitungsgruppen-Turbulenzen am BE, das unter Peymann zur auch nicht immer leicht zu ertragenden Museumsruhe kam.

Gern wurde sie auch in Film und Fernsehen besetzt. Ihr einprägsames, stets mit tiefen Gedanken befasstes, zugewandtes Gesicht wird uns noch lang vor Augen bleiben.