Kennen Sie die Raumnetze auf Spielplätzen und in Freizeitparks? An einem Mast aufgehängt und an den Ecken fest und mit Spannschlössern im Boden verankert, stehen sie heute in mehr als 50 Ländern. Kleine und größere Kinder klettern wippend und hüpfend nach oben, ruhen oder schaukeln im Inneren der Netze. Mit sichtlicher Freude entwickeln sie dabei Körpergefühl und Balance. Die Stahlseile der Netze tragen ganze Schulklassen. Produziert wurden sie seit 1971 von einem winzigen Westberliner Start-up, wie man heute sagen würde.

Die Ideen und technischen Details zu diesem Spielgerät entwickelte Conrad Roland. Er wohnte damals in Berlin-Grunewald und ließ 1970 die ersten Netze von der alteingesessenen Seil-Firma Günther Lusche in Schöneberg fertigen. Dank des Erfolgs gründete er bald sein Unternehmen Corocord. Wohlhabend geworden, verkaufte er es 1985 und zog mit seinem Partner nach Holualoa auf Hawaii. Vor zwei Wochen ist er dort im Alter von 86 Jahren sanft gestorben. Aktiv blieb er bis zuletzt.

Nach einer Schreinerlehre studierte Roland an der TH seiner Geburtsstadt München, anschließend am Institute of Technology in Chicago bei Ludwig Hilberseimer und Walter Peterhans. Nebenher arbeitete er im Büro von Mies van der Rohe. Nachdem er sich 1961 in Westberlin niedergelassen hatte, begeisterte er sich für die Arbeiten des Architekten Frei Otto, der sich auf Leichtbau und zugbeanspruchte Konstruktionen spezialisiert hatte. Das bekannteste Werk aus dieser Schule sind die gewaltigen und dennoch leicht anmutenden zeltförmigen Dächer über den Münchner Olympiastadien.

Und so lernte ich Conrad Roland 1968 kennen. Damals arbeitete ich als Volontär bei der Münchner Abendzeitung und schrieb mit seiner fachlichen Hilfe einen Feuilletonaufmacher zur Verteidigung des Dachprojekts. Zwar hatte der von Günter Behnisch eingereichte und dann gemeinsam mit Frei Otto verwirklichte Entwurf im Wettbewerb den Ersten Preis gewonnen, aber gebaut war er damit noch lange nicht. 1968 lebte man in der Hochphase des Betonbrutalismus. Unablässig erklärte eine wachsende Schar von Kritikern, die filigranen Dächer seien zwar hübsch anzuschauen, jedoch „undurchführbar“, weil sie weder Schneemassen noch Föhnstürmen standhalten würden. Ein Irrtum.

Als ich dann in Berlin studierte, beschäftigte mich Roland als Hilfskraft, und ich wurde Zuhörer der nächtlichen Monologe eines Perfektionisten. 1965 hatte er das Buch „Frei Otto – Spannweiten“ veröffentlicht und arbeitete an dem Thema weiter. Er schuf Modelle für spiralförmige Hochhäuser und für Wohnsiedlungen auf der Basis vorgespannter Seilnetze. Zudem sammelte er Tausende Fotos und Pläne schon verwirklichter zugbelasteter Konstruktionen. Allgemein bekannt sind Hängebrücken.

Aber Roland ging das Geld aus, und so riet ich ihm im kalten Winter 1969/70: „Probiere es praktisch. Baue deine Luftschlösser in Spielplatzgröße für Kinder. Dann siehst du weiter.“ Auf diese Weise wurde ich an einem von Zigarettenqualm und Gin umnebelten Abend zur Hebamme für die Verwirklichung der genialen Idee eines höchst kreativen, nicht immer einfachen, liebenswerten Menschen.

Conrad Rolands anregender und vielfältiger Nachlass wird schon bald im Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau in Karlsruhe zugänglich sein.