Das von dem freundlichen Berliner Vorort Zehlendorf aus die Welt der Architektur revolutioniert würde, das hätte sich niemand je gedacht. Doch hier begründete 1952 der gerade diplomierte Architekt Frei Otto sein erstes Büro und 1957 die „Entwicklungsstätte für Leichtbau“, aus der 1961 die Forschungsgruppe „Biologie und Bauen“ an der Technischen Universität hervorging. Hier entstanden die ersten Skizzen jener spinnwebartig dünnen Tragwerke und Zeltbauten, die 1955 erstmals als Tanzpavillon in Kassel für Furore sorgten und im Münchener Olympia-Stadion von 1972 einen weltberühmt gewordenen Höhepunkt fanden. Hier begann eine Architektur, die die Menschen mit zarter Leichtigkeit umhüllen sollte wie die 1975 eingeweihte, grandiosen Mannheimer Multihalle.

Leichte Revolution

Ideen, die so sehr irritieren, dass die Jury des Pritzker-Preises Frei Otto erst jetzt diesen Nobelpreis der Architektur zugesprochen hat. Absurd spät. Eine solche Auszeichnung gebührt schließlich weniger den Jungen als jenen, denen wir danken sollten. Und dazu gehörte seit 40 Jahren zweifelsfrei Frei Otto. Wenige haben wie er die Architektur befreit von der Vorstellung: vier Wände mit Satteldach. Doch am Montag verstarb Otto im Alter von fast genau neunzig Jahren in seinem Haus in Warmbrunn bei Stuttgart.

Immerhin, die Emissäre der Jury konnte er noch empfangen, um ihnen ausweislich der Pressemitteilung zu sagen: „Mein Ziel war es immer, neue Typen von Häusern zu entwerfen, vor allem, um armen Menschen nach Naturkatastrophen und anderen Unglücken zu helfen. Sie haben einen glücklichen Mann vor sich.“ Man glaubt es unbesehen.

1964 hatte Otto sein Büro an die Technische Hochschule Stuttgart verlagert. Es entstand das weltberühmte Institut für leichte Flächentragwerke, zu dem Ingenieure und Architekten geradezu pilgern. Der Wechsel hatte Symbolkraft: West-Berlin, die Stadt, in der in den 1950ern architektonisch so viel gewagt werden konnte wie in kaum einer anderen Deutschlands, wurde seit Mitte der 1960er-Jahre durchsubventioniert und selbstzufrieden. In Stuttgart gab man dagegen einem Tüftler und Sucher Raum.

Angeblich war schon sein Vorname Programm . Seine Eltern waren bekannte Bildhauer im sächsischen Siegmar bei Chemnitz, den Reformern im Deutschen Werkbund nahe. 1943 begann Frei Otto mit dem Architekturstudium in Berlin, wurde doch noch eingezogen, kam in der französischen Kriegsgefangenschaft in Kontakt zu den Leichtbau-Experimenten aus der Umgebung Jean Prouves. 1948 konnte Frei zurück nach Berlin gehen, erhielt 1950 ein Stipendium für die USA, besuchte dort die Größen der Klassischen Moderne, darunter Frank Lloyd Wright. Mit dem verband ihn vor allem die Idee, Natur und Kunst seien vereinbar.

Utopie der Egalität

Der Mensch, sagte der leidenschaftliche Lehrer und Erklärer Otto öfter, habe ein Bau-Gen. Er wolle Raum umfangen und in Form bringen, auch wenn das gar nicht nötig sei. Aber muss das energieverbrauchend geschehen?

Luftig sollte die Architektur sein. Ein Thema der Zeit, das besonders deutsche Architekten bewegte. Der tiefe Schock der Nazi-Zeit und ihrer massigen Staatsarchitektur wurde auch so verarbeitet. Ein Pendant zu Frei Otto war etwa Conrad Roland, dem wir die genial freiheitlichen, von Kindern geliebten und von Sicherheitsfanatikern gehassten Kletternetze verdanken. In der DDR erkämpfte Ulrich Müther mit seinen Schalenbauten für den Abschied von der klassizistischen Tradition des Tragens und Lastens.

Die Idee einer egalitären Versammlung unter schwebenden Hallen war sicher Utopie: Pier Luigi Nervi hat auch für Mussolini großartige Schalenbauten entworfen, die DDR war so wenig wie die Golfstaaten eine Demokratie, für die Frei Otto in den 1970ern arbeiten sollte. Doch gab es dieses Ideal. Und es gab die Idee, dass das Team für die Zukunft der Architektur stehen solle. An den Münchener Olympia-Bauten arbeiteten der Architekt Günter Behnisch, der Architekteningenieur Frei Otto und der Ingenieurarchitekt Jörg Schlaich zusammen, um die Konstruktion immer leichter zu machen. Und in West-Berlin entstanden 1987 die Öko-Häuser am Landwehrkanal, für die Frei Otto die Tragstruktur entwarf und neun andere Architekten die Füllung dieses Gerüsts.

Wenig ist in Deutschland seither gebaut worden, was so heitere Bilder einer offenen, optimistischen Gesellschaft erzeugt.