Heinz Jakob Schumann wäre am liebsten ein einfacher Musiker gewesen. Vorübergehend ist ihm das in seinem bewegten Leben auch gelungen, zumindest für eine gewisse Zeit.

Geboren wurde er am 14. Mai 1924 in Berlin, und so lange er sich erinnern konnte, übten Musikinstrumente von früher Kindheit an eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. „Wenn ich als Kind ein Klavier sah, war ich nicht mehr zu halten – ich musste spielen“, erzählte er. Er lernte zunächst Schlagzeug, und als er 13 war, überließ ihm ein Cousin, der zum Militär musste, dessen Wandergitarre. Von da an war er Gitarrist. Außerdem wurde er Mitglied in dem jüdischen Sportverein Bar Kochba in Berlin-Zehlendorf und lernte Boxen.

Dreifach illegal

Als Teenager geriet er in eine Gruppe von Jugendlichen, die sich für den Swing begeisterten und die Musik von Duke Ellington, Teddy Stauffer und Ella Fitzgerald hörten. Von da an war Schumann dieser Musik verfallen, und bald darauf reüssierte er als einer der ersten Jazz-Gitarristen in Berlin überhaupt, der sein Publikum in kleinen Nachtclubs suchte und fand. Natürlich illegal – und das gleich mehrfach: Erstens war er zu Beginn der 40er-Jahre viel zu jung für eine solche Arbeit; zweitens war die Musik, die er spielte, unerwünscht und bald auch illegal, und drittens war er Jude und hatte ohnehin generelles Auftrittsverbot.

Eine französische Freundin, die den Vornamen „Heinz“ unaussprechlich fand, verniedlichte seinen zweiten Vornamen zu „Coco“, und so kam er zu seinem Künstlernamen, unter dem er bis zuletzt auftrat.

Swing im Blut

Auf seinen musikalischen Pfaden lernte Coco Schumann von verschiedenen Lehrern und im allabendlichen Bühnen-Ernstfall beim Spielen mit den verschiedensten Musikern. Den Swing, davon war er fest überzeugt, müsse man im Blut haben, und zwischen Swing und dem traditionellen Klezmer sah er immer eine enge Verwandtschaft. Als bereits die ersten Bomben auf die Reichshauptstadt Berlin fielen, hatte er sich ein reichhaltiges Repertoire an amerikanischen Swing-Nummern angeeignet und lebte ohne Untergrund-Gefühl und klandestines Gebaren in der Öffentlichkeit der Stadt.

Irgendwann wurde er aber doch verraten und deportiert – nicht ins Vernichtungslager nach Auschwitz, sondern nach Theresienstadt. Er wurde Mitglied bei der Lagerband „Ghetto Swingers“ und wirkte bei dem Propagandafilm mit, der der Weltöffentlichkeit ein intaktes jüdisches Leben im Deutschen Reich vorgaukeln sollte. Als er, nach dem Ende der Dreharbeiten, nach Auschwitz deportiert wurde, wurde er dort Mitglied einer Lager-Band, die zu den makabersten Anlässen spielen musste. „Die SS-Männer“, erinnerte er sich, „wollten immer La Paloma hören.“ 1945 wurde Schumann nach Kaufering deportiert, auf den Todesmarsch nach Innsbruck geschickt, ehe die Amerikaner ihn schließlich befreiten.

Zurück nach Berlin

Coco Schumann ging wieder zurück nach Berlin und tat das, was er am besten konnte: Gitarre spielen. Berlin konnte, fand er, schließlich nichts dafür, und die Musik erst recht nicht. Einen seiner ersten großen Auftritte hatte er 1946 in der Begleitband von Marlene Dietrich. Über seine Zeit in den Lagern zog er es vor, zu schweigen: „Ich habe Angst vor der Betroffenheit gehabt. Ich bin Musiker, ein Musiker, der im KZ gesessen hat, kein KZler, der Musik macht“. Und er war einer der sich künstlerisch durchsetzte. Er war hierzulande der erste Gitarrist mit elektrisch verstärktem Instrument, und die frische Jazzbegeisterung beförderte seine Karriere.

1950 waren seine Zweifel an dem Land, in das er zurückgekehrt war, allerdings so massiv geworden, dass er mit seiner Frau nach Australien auswanderte. Nach vier Jahren trieb ihn das Heimweh aber wieder nach Berlin zurück. Er spielte seine amerikanische Musik, wirkte in einem Film von Heinz Erhardt mit, trat mit Roberto Blanco sowie den Jazz-Musikern Helmut Zacharias und Bully Buhlan auf.

Tanzmusik auf Kreuzfahrten

Coco Schumann bediente das Bedürfnis der Deutschen nach Unterhaltungsmusik und spielte die Stimmungskanone. Als der Rock ’n’ Roll den Swing zu verdrängen begann, wich er auf Kreuzfahrtschiffe aus und machte Tanzmusik.

Aber Coco Schumann war eben doch nicht einfach ein nur vom Swing beseelter Musiker. Er war auch ein Überlebender der Nazi-Verfolgung, womit er sich 1997 in seiner Autobiografie „Der Ghetto-Swinger“ auseinandersetzte. Seine Musik ist davon jedoch immer merkwürdig unberührt geblieben. Am vergangenen Sonntag ist die Swing-Legende Coco Schumann im Altern von 93 Jahren in Berlin gestorben.