Zum Tod des großen ungarischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész

Ein deutscher Kritiker mutmaßte einmal, Imre Kertész habe Kafka fortzuschreiben versucht. Und damit zugleich die Frage aufgeworfen, ob das überhaupt möglich sei. Zu überlegen wäre jedoch, entgegnete Kertész, „ob es in bestimmten Fällen möglich ist, Kafka nicht fortzuschreiben?“ Der Pragerdeutsche Jude Franz Kafka war neben Jean Améry wichtigster moralischer und literarischer Bezugspunkt des Imre Kertész.

1929 in Budapest als Sohn ungarischer Juden geboren und im Alter von 14 Jahren zunächst nach Auschwitz und später nach Buchenwald deportiert, sah Kertész bei Kafka eine zwanghafte Absurdität beschrieben, die er als charakteristische Ohnmachtserfahrung der Todeslager wiedererkannte: eine Art Einverständnis der Opfer mit der eigenen Erniedrigung. Dieser Schizophrenie, so Kertész, sei er auf der Spur gewesen: einer Art zu denken, die das Absurde zwangsläufig als Logik erscheinen lasse, weil in der „Fallensituation“ von Auschwitz keine andere Wahl bleibe.

Für diese Form der Enteignung des Selbst, für den charakteristischen Zug der Diktaturen, den Menschen seines Schicksals zu enteignen, hat Kertész den Begriff der „Schicksallosigkeit“ geprägt und Auschwitz zur universalen Metapher menschlicher Erfahrung erhoben. Eine Metapher übrigens, so hat Franziska Augstein formuliert, die den Deutschen und ihrer außergewöhnlichen Schuld wohl tue.

Entmystifizierung von Auschwitz: „Roman eines Schicksallosen“

„Wer aus dem KZ-Stoff literarisch als Sieger, das heißt „erfolgreich“ hervorgeht“, notierte Kertész schon 1971 in seinem später veröffentlichten „Galeerentagebuch“ (1992), der „lügt und betrügt todsicher: So schreibe deinen Roman.“ Dass dieser „Roman eines Schicksallosen“ (1975), sein literarisches Debüt, in Ungarn zunächst vehement abgelehnt oder komplett missverstanden wurde und erst Jahre später nach der Übertragung ins Deutsche gebührende Aufmerksamkeit erfuhr, hat Kertész in seiner kritischen Haltung gegenüber dem Kulturbetrieb und in der selbst gewählten Isolation innerhalb der ungarischen Gesellschaft bestätigt – auch nach der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 2002; der einzige übrigens, den ein Ungar bisher erhalten hat.

Was macht den „Roman eines Schicksallosen“ so unerhört? Zunächst einmal, dass der Autor keinen „Holocaust-Roman“ schreiben wollte, weil der Holocaust in einem künstlerischen Werk nicht fassbar sei. Stattdessen beschreibt Kertész einen Zustand des Erlebens und Überlebens aus der Perspektive eines jüdischen Jungen, der seine Deportation als Reise ins Unbekannte und die Ankunft im Konzentrationslager als groteskes Abenteuer erzählt. Gerade weil das jugendliche Ich gelehrig die Logik des Lagers erprobt, weil er jegliche Erklärung, jegliche Wertung des Geschehens missen lässt und als naiv-sachlicher Beobachter auftritt, erreicht Kertész Einzigartiges: die Entmystifizierung von Auschwitz.

„Es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben würde“, schließt der Roman, „und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert wie eine unvermeidliche Falle das Glück auf mich. Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war…Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müsste ich Ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen. Wenn sie überhaupt fragen. Und wenn ich es nicht selbst vergesse.“

Unerbittlichen Sucher nach Wahrhaftigkeit und moderner europäischer Erzähler

Zwei zentrale Fragen prägen auch das weitere literarische und essayistische Werk des Imre Kertész: Wie kann die Literatur angesichts dessen, was sich nicht erzählen lässt, dem Vorwurf der Lüge entgehen? Und was ist eine Kultur wert, die zu Auschwitz geführt hat und deren humanistisches Wertesystem, das Mördern wie Opfern gleichermaßen von Kindesbeinen an gelehrt wurde, sich offensichtlich als illusorisch erwiesen hat?

„Das zivilisierte menschliche Zusammenleben gründet sich auf jene stillschweigende Übereinkunft, den Menschen nicht gewahr werden zu lassen, dass ihm sein nacktes Leben mehr, sogar sehr viel mehr bedeutet als alle sonst verkündeten Werte. Sobald das aber evident ist – weil er durch Terror in eine Situation gedrängt wird, in der Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute um Minute nichts anderes als ebendies evident wird – können wir in Wahrheit nicht mehr von Kultur reden, weil sämtliche Werte gegenüber dem Überleben hinfällig geworden sind.“

In all seinen Büchern kreist Kertész unablässig um diese Themen – tiefgründig ernst, äußerst kühn und bisweilen mit einer provozierenden spielerischen Ironie. Mit den Romanen „Fiasko“ (1988), „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ (1990) und „Liqudidation“ (2002) vollendete er seine „Tetralogie der Schicksallosigkeit“, die Kertész nicht nur als unerbittlichen Sucher nach Wahrhaftigkeit, sondern auch als großen, modernen europäischen Erzähler zeigt. Die Erfahrung des Lagers und der Rauch der Schornsteine aber sind omnipräsent: „Denke ich an einen neuen Roman, denke ich immer an Auschwitz.“

Jegliche Form von Lösungen und Belehrungen konsequent verweigernd, erhebt der Schriftsteller Kertész die Orientierungslosigkeit zum Stilmittel. Permanente Reflexion, penetrante Selbsthinterfragung und endlose Wiederholungsschleifen sind Kennzeichen eines Schreibens, dessen Gelingen den Leser suchend und verstört zurücklässt – auch in seinen Erzählungen (besonders hervorzuheben „Der Spurensucher“ über den aus den Fugen geratenden KZ-Besuch eines Überlebenden), in den Essays und der meisterhaften, in Form einer fiktiven Befragung vorgelegten Autobiografie „Dossier K.“ (2006).

Existenzielle Ironie

In seinem „Letzte Einkehr“ (2013) betitelten Tagebuch der Jahre 2001 bis 2009 schreibt Kertész auch darüber, wie er sich nach dem Erhalt des Nobelpreises zum „Holocaust-Clown“ verkommen sieht und bekennt: „Nie hätte ich geglaubt, dass das Leben eines Erfolgsschriftstellers dermaßen ekelhaft ist. Welche Verblendung, welches Gaukelwerk!“ Die antidemokratischen Auswüchse in Ungarn erkennt er früher als alle anderen. Die immer lauter werdende Israelkritik ist für ihn in weiten Teilen schlecht maskierter Antisemitismus.

Im Gegensatz zu Primo Levi oder Jean Améry, die aus dem Konzentrationslager in freiere Gesellschaften entlassen wurden und sich später das Leben nahmen, versuchte Kertész erst gar nicht, Hoffnungen und Perspektiven aufzubauen; dazu bot ihm das kommunistische Gefängnis in Osteuropa und der bis heute weit verbreitete Antisemitismus und Rassismus in Ungarn keine Gelegenheit. Statt also einem Gefühl der Enttäuschung zu erliegen, wählte Kertész einen Zustand der existenziellen Ironie. Diese Form der inneren Emigration bezeichnete er selbst als den „Versuch des Überlebens nach dem Überleben“, den er einzig im Prozess des Schreibens für möglich hielt.

Seit der Jahrtausendwende lebte Kertész mit seiner zweiten Frau die meiste Zeit in Berlin, bevor er wegen seiner fortschreitenden Parkinsonerkrankung 2012 wieder ganz nach Budapest zog. Wer den Schriftsteller einmal persönlich traf, ihn bei einer Lesung oder einem Vortrag erlebte, wusste um seine fast schon notorische Bescheidenheit und Zurückhaltung. Dahinter jedoch war die unbedingte Kompromisslosigkeit des Überlebenden zu entdecken, der zu keinerlei Eingeständnissen bereit war. „Ich spiele gern um hohe Einsätze und bin jeden Augenblick darauf gefasst, alles zu verlieren. Da wir sterben müssen, tun wir gut daran, ja, sind wir verpflichtet, kühn zu denken.“ Am 31. März ist der große und kühne Imre Kertész im Alter von 86 Jahren nach langer Krankheit in seiner Wohnung in Budapest gestorben.